Breitenworbis im Eichsfelder Kessel    


02.12..2021   Bearb.Stand  <<:  05.21

Impressum                                  

Willkommen auf Winter's privat betriebener & finanzierter  Webseite  Battern-Geschichte-n ! Unser digitales Geschichtsbuch richtet sich an orts- und regionalgeschichtlich Interessierte, verfolgt keine wirtschaftlichen oder politischen Interessen.

Unser Anliegen:  via zeitgemäßer Medien historische Informationen bereitstellen, um Eichsfeldische Heimatverbundenheit zu fördern.  Wie der Titel andeutet, sollen sowohl korrekte Geschichte als auch humorige Geschichte-n in Erinnerung gehalten werden.

„Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“ (Bebel zugeschrieben)

Rechtliche Hinweise

Fotos u. Texte entstammen (soweit nicht anders angegeben) unseren  Kameras und Schreibgeräten. Nachforschen und Schreiben in stichhaltiger Korrektheit kosten viel Freizeit, Energie und auch großes Kleingeld für Technik, Material, Archivbesuche, Mediennutzung usw. Deshalb stehen uns alle Urheberrechte zu: Verbreitung / Weiterverarbeitung von Bild und Text - auch auszugsweise – nur mit unserer Zustimmung!

Soweit in üblicher Form Klarnamen genannt werden, soll das der Darstellung genealogischer Zusammenhänge, der Würdigung von Personen, ihrer Lebensleistung oder gar tragischer Lebensumstände dienen. Regulär liegt Einverständnis der Nachfahren vor und ist rechtliche Verfolgung ausgeschlossen.

Naturgemäß können unsere Ausarbeitungen nicht vollständig und fehlerfrei sein: Objektive Geschichte zu schreiben erfordert Belege durch Urkunden & wissenschaftliche Recherchen; eingearbeitete Zeitzeugenberichte u. mündliche Überlieferung sind stets subjektiv gewichtet. So bleibt manches im Dunkel der Geschichte fraglich. Deshalb bitten wir unsere Leser:

Helfen Sie uns bitte durch   sachliche    Hinweise, diese Dokumentationen zu verbessern !

Wir danken für den Besuch unserer History-Website und wünschen Ihnen interessante geschichtliche Erkenntnisse !

 Die Batterschen Schnallenköppe         M. @  H.  Winter 


Hinweis: Weshalb "Battern" bei Breitenworbis liegt und wir die "Schnallenköppe" sind, steht im Aufsatz "DENKMALE".

  In dieser Rubrik finden Sie Dokumentationen zur Geschichte von Breitenworbis u. Umgebung   

  •  GROSSBRÄNDE in Breitenworbis
  •  Histor. BRUNNEN, QUELLEN, BÄCHE im/am Ohmgebirge & der Battersche Badesee
  •  DENKMALE in Battern 
  •  ALTE HÖFE & IHRE BEWOHNER: Anwesen der 'Sippe ADAM'  /  Der HENKEL-Hof
  •  BAUGEWERKE in Breitenworbis  >  neu!
  •    GLOCKEN VON  ST. VITUS (demnächst)
  •    KALIWERK & H.M.A. (in Arbeit) 


Zur Rubrik   'ANEKDOTEN '  --> oben klicken!    

 


Großbrände in Breitenworbis

von Manfred Winter

Breitenworbis im Eichsfelder Kessel, 1238 ersterwähnt /1/, gehörte einst zum kurmainzischen Amt Harburg   (Nordansicht, Foto: H. Winter)     

Geschichtliche Überlieferung durch Hören-Sagen bringt naturgemäß Datenverlust und Falschinformation. Die vorliegende Aufarbeitung soll zum Refresh beitragen.

Durcheilt man in Breitenworbis die sich nahe der A38 verschoben kreuzenden heutigen Landes- bzw. Kreisstraßen, so wird ein geordnetes Raster breiter Dorfstraßen mit Bürgersteigen augenfällig, wie sie heutige PS-Rider und noch verbliebene Ritter auf „Schusters Rappen“ - anstelle verwinkelter Einengungen - für manchen Eichsfelder Ort  wünschen.

Wenige in ‚Battern‘ noch aus Vorzeiten erhaltene Häuser verdeutlichen, dass das heute vorteilhafte Straßennetz geschichtliche Katastrophen zur Ursache hat: Für viele Bewohner existenziell tragische Großbrände der letzten Jahrhunderte zogen eine weitsichtige Dorfgestaltung nach sich. Ohne den Jahrzehnte später einsetzenden Kraftfahrzeugverkehr prognostizieren zu können, entschieden unsere Vorfahren beim Wiederaufbau für zukunftsträchtige Fahrbahnen und durchgängige Bürgersteige. Ebenso konsequent wurden Brandmauern bei der im Ort vorherrschenden Fachwerk-Grenzbebauung vorgesehen sowie ein Kanalsystem mit Schiebern für schnelle Heranführung von Löschwasser aus dem Dorfteich angelegt, als 1894 der Rhin verrohrt wurde. Um 1930 erhielt die Tiefstelle Am Anger einen ‚Caisson‘ zur Speicherung von Löschwasser. Der Dorfteich, früh für die Sicherheit des Dorfes angelegt, barg auch seine Gefahren:  1714, 1819 und noch im 20.Jh. wurde er Kindern zum Verhängnis.

 In menschlicher Tragik und Auswirkung ähneln Brände unseres Haufendorfes bekannten Feuersbrünsten der Eichsfeld-Metropolen. - Alte Stadtworbiser Feuerwehrmänner brandmarkten Breitenworbis als ‚Brenneworbis‘, und die gängige Floskel ‚Hoch versichern – niedrig abbrennen!‘ wird den ,Batterschen Schnallenköppen‘ noch heute angedichtet...

Nicht ohne Grund hatten bereits Kurmainzer Amtmänner, wie auch die nachfolgende preußische Administration, Feuerwehren in Eichsfeldischen Orten zur Pflicht erhoben. Deren Hand-lungsvermögen bei der Eindämmung des ‚Roten Hahns‘ stieß jedoch vor dem Aufkommen motorisierter Löschpumpen auf enge Grenzen. Was Martin Weinrich’s „Fier in Heitrode“ /2/ ergötzlich schildert, war oft grausame Realität…





Alte handbetriebene Feuerspritze, hier 1930 beim Auspumpen einer Grube  beim Gesellenheim am ‚Junkerhof‘ (Gutstraße).

Foto: Bestand der Kolpingfamilie Breitenworbis

 

Um 1675 zählte Breitenworbis ca. 145 Herdstätten  mit ca. 650 Einwohnern /3/; 2 Jh. später schon um die 2.500 Seelen. - Vielfach auf offenen Herdstellen loderte das lebenswichtige Element im Holzfachwerk unter hängenden Kesseln. Vor Erfindung des Zündholzes musste die Glut ständig erhalten und verwahrt werden - mit Wind, Stroh und Holz eine unheilige Allianz . . .

Älteste Kunde eines Großbrandes geben Pfarreiakten: eine Gruppe brennender Scheunen bedroht am 16.10.1772  durch starken Wind das Dorf. Die Not veranlasst Pfarrer Vogt, mit der Monstranz Schutz zu erbitten. - Auf die Verschonung des Dorfes geht die alljährliche Wallfahrt zu Mariä Heimsuchung nach Breitenholz zurück. /4/

Der Jahrhunderbrand von 1859

Pfarrer und Heimatforscher Ph. Knieb formuliert in seiner 1897 abgeschlossenen ‚Geschichte des Pfarrdorfes Breitenworbis‘: „Das …Jahr 1859 brachte der Gemeinde die schwerste Heimsuchung, die sie in diesem Jahrhunderte getroffen…“ und berichtet auf Basis von Aufzeichnungen seines Vorgängers /5/.   Am 01.August  war ‘Am Bache‘ Feuer ausgebrochen, das sich in Windeseile in östlicher Richtung auf das ‚Eichsfeld‘ genannte Straßenviertel in Richtung ‚Sottel‘ ausdehnte. Über 30 auch aus umliegenden Orten zu Hilfe geeilte ‚Spritzen‘ vermochten nur, den südlichen Teil des Dorfes zu bewahren. Ein Kind wurde Opfer des Infernos.

Verhängnisvoll war, dass die heutige Wilhelmstraße keinen mittigen Fluchtweg besaß, der auch das Übergreifen des Feuers verzögert hätte. Folglich legte die Gemeinde die Forststraße als Ausgang ins Feld (‚Hinter den Höfen‘) an und schuf mit der Mittelstraße eine Schneise zur Braugasse.


Lange Str. unterhalb des Teiches, früher „Am Knick“ / „Am Bache“; hier floss vormals der Rhin offen.   Foto: M.Winter

Das bereits etablierte Worbiser Kreisblatt schildert die Situation ausführlich; tagelang berichten Redakteure unter tragischen Schlagzeilen und veröffentlichen Hilfsaufrufe. Einige Zitate sollen Pfr. Knieb’s Bericht hier untermauern.

Titelblatt: /6/ „Bekanntmachungen“  „…gestern verheerende Feuersbrunst“

[am 01.08.1859 d. V.] … „Binnen 1 ½ Stunden sind 109 Häuser mit Nebengebäuden und der größtenteils unversicherten ganzen Habe ihrer Bewohner total vernichtet… An 600 bis 800 Menschen sind obdachlos und der nothwendigsten Lebensbedürfnisse beraubt. Die Not ist groß und fordert rasche und umfassende Hilfe. …  - Hülfs-Comite´ … Da der dritte Theil des großen Dorfes abgebrannt und die Noth dort sehr groß ist, ersuchen wir alle Kreisbewohner recht dringend, auch Hülfscomite´s zur Sammlung von Geld- und Materialienbeiträgen für die Unglücklichen zu bilden. Worbis, d. 2. August 1859   Das Hülfscomite´“.  

Unterzeichner: Landrat Frantz u.a. Persönlichkeiten. - Im Ergebnis kam auch überregionale Hilfe.

In jenen Jahren häufen sich nahezu wöchentlich Berichte über Brände auch in benachbarten Orten- jedoch nicht dieses Ausmaßes, das der engen Bebauung, Giebel an Giebel, in Breitenworbis zuzuschreiben war. 

Kaum war unter großen Mühen und Entbehrungen das abgebrannte Dorfsegment wieder aufgebaut, folgte schon am 25.05.1865  in der nahen Braugasse ein  Großfeuer, das 7 Scheunen und Nebengebäude in Schutt und Asche legte. /8/

 











"Berta’s  Hüs'chen“ am Teich. Dieses  frei  stehende Zeugnis der Vergangenheit widerstand altzeitlichen Feuerstürmen, nicht jedoch der DDR-Brechstange  /7/   Foto:  M.Winter 1981


 Großbrände nach dem Jahrhundertwechsel

Die nach Pfr. Knieb‘s Chronikabschluss /sh.3/ folgenden Großbrände lassen sich nur authentisch im Zeitungsarchiv erschließen:

01.Mai 1900: /9/ Feuersbrunst und Großfeuer in Breitenworbis. …unsere sonst so friedliche Gemeinde durch das gefräßige Element …namenloses Unglück…“   Bei Trockenheit und Wind war das… Häuserquadrat zwischen Langegasse und Schenkgasse einerseits und der Kirche wie der Angergasse andererseits mit unbezwingbarer Gewalt ergriffen.“

Hier brannten „…10 volle Gehöfte total nieder, von 10 weiteren sämtliche Hintergebäude, Scheunen, Stallungen… Tiere. Große Holzvorräte, landwirthschaftliche Maschinen sind ebenso wie vielfach Mobiliar gänzlich vernichtet. … panikartiger Schrecken wirkte wie lähmend auf die Leute ein, so dass ein Eingreifen der Ortsfeuerwehr, die sofort mit 2 Spritzen zur Stelle war, zunächst erschwert wurde. … bei der großen Trockenheit wurden die Minuten zu Stunden, bevor die ersten Wasserstrahlen dem alles vernichtenden Feuer Einhalt thun konnten. ... Die mächtige zum Horizont auflodernde Feuergarbe hatte zwar bald die Nachbarorte alarmirt… ein hilfsbereiter… junger Mann… Gerig… rief per Rad die Feuerwehren der Umgebung schnell zusammen. Der Telegraph /10/ war unterbrochen, da das Wohnwesen des Herrn Postagent Raabe [Kirchstraße /d.V.] ebenfalls brannte. Die Wehren von Kirchworbis, Gernrode, Haynrode, Bernterode, Niederorschel und Worbis … konnten sich nur darauf beschränken, die bedrohten Nachbarhäuser, darunter die Pfarrei, zu schützen… Herr Kreislandrath Frantz [war] fast bis zum Morgen auf der Brandstätte anwesend und traf sachgemäße Anordnungen. Die obdachlosen Abgebrannten wurden anderweit untergebracht. Die gerettete Habe lagerte im wilden Chaos auf Straßen und in Gärten. Die Postsachen wurden gerettet und Post und Telegraph noch abends im [1890 erbauten /d.V.] Saale der Gemeindeschenke untergebracht… Gestern und heute war die noch brennende Jammerstätte das Ziel vieler Schaulustiger von nah und fern.“

Schon 3 Tage später ein Großfeuer südlich der Kirche ‘Vor dem Thore‘: „ …Telegraph und Radler holten auswärtige Hilfe: Kirchworbis, Worbis, Gernrode. 5 Hintergebäude mit Stallungen und Scheunen in kurzer Zeit ein Raub der Flammen. Beide Brandfälle erinnern lebhaft an den Brand im Jahre 1859…“ /11/ 

Der Lokalredakteur verfolgt die Ermittlungen und berichtet am 11.07.1900: "…Die Jugendlichen Verbrecher Kachel und Mönneckes, die durch ihre Brandstiftungen am 3. und 5. Mai über unseren Ort zwei verheerende Feuersbrünste gebracht haben, wurden … in Heiligenstadt abgeurtheilt…“. Der 15-jährige K. hatte mit seiner Äußerung, es müsse noch mehr brennen, Verdacht auf sich gezogen und erhielt wegen 2 vollendeter Brandstiftungen 3 ½ Jahre Gefängnis. Seine „… Persönlichkeit … ist eine gemeingefährliche … daher notwendig, ihn für längere Zeit von der menschlichen Gesellschaft fernzuhalten“.  Der 12-jährige M. erhielt wegen 2 vollendeten und einer versuchten Brandstiftung 1 Jahr Gefängnis.

In Konsequenz der Branderfahrungen hatte die Gemeinde bereits 1861 nach Abbruch der alten Schule (heutiges Kriegerdenkmal) den oberen Teil der „Langen Gasse“ verbreitert und in die Berlin-Casseler Chaussee eingebunden sowie weitere Fluchtwege ins freie Feld (z.B. Bohnengrund) angelegt.


Erstes Foto einer Brandkatastrophe: 1905  /12/

Während ein Foto des Jahrhundertbrandes von 1859 nicht existieren kann, /13/ dokumentiert diese historische Aufnahme die Situation von 1905; als Datum kommt der 3.Juli in Frage.

Auf dem qualmenden Trümmerchaos thront unversehrt die St.-Vitus-Kirche, geweiht 1685.

Denkt man an die ruinierten Bewohner, möchte man Schiller beipflichten: "Wehe, wenn es losgelassen…"

Im Zeitungsarchiv finden sich  folgende Berichte (stark gekürzt): /14/

 „Großfeuer in Breitenworbis.  Breitenworbis 3. Juli (Spezialbericht)

… bereits vor 8 Tagen größeres Schadenfeuer... jetzt  in der Nacht… zu Montag anscheinend durch ruchlose Brandstiftung von einem noch weitaus größeren Brandunglück betroffen. … Die meisten Einwohner lagen schon im ersten Schlafe, als plötzlich gegen ½ 12 Uhr aus der Langengasse großer Feuerlärm ertönte… Die schnell herbei geeilte Ortsfeuerwehr …fand bereits die Hintergebäude… Müller… Pfitzenreiter  in vollen Flammen. Infolge der Trockenheit und dem rapiden Umsichgreifen des Feuers standen bald sämtliche Hintergebäude mit den noch theilweise gefüllten Scheunen und die Wohnhäuser des großen Blockes in hellen Flammen. Mächtige Feuergarben und ein blutrot gefärbter Himmel ließen stundenweit im Umkreis das Großfeuer erkennen. Lungen und Augen schädliche, dichte Rauchwolken belästigten die Arbeiten der Feuerwehr, die noch durch die Wehren von Gernrode, Kirchworbis, Haynrode und Bernterode kräftigst unterstützt wurden. Da der Teich abgelassen wurde und auch die meisten dem Brandplatze benachbarten Häuser Brunnen haben, so war Wasser genug vorhanden… beschränkten schließlich nach mehrstündiger schwerer Arbeit das Feuer auf seinen Herd, an dem  es sonst nichts mehr zu retten gab. … Der Feuerregen, der nebenbei bemerkt ein grandioses Schauspiel bot, führte im ganzen Dorfe Flugfeuer herum, wodurch auf einem ca. 300 m …entfernten Hause eine … Dachsparre in Brand geriet."

Insgesamt 14 Wohnhäuser mit 16 Hintergebäuden brannten ab und 26 Familien wurden... "obdachlos, ihrer Habe meistens beraubt. … Als einsame Ruine auf dem immer noch brennenden Trümmerfelde steht noch das Wohnhaus N. …, das dank einer übersetzten Brandmauer dem Feuer standhielt.“ /14/  - Ein folgender Bericht resümiert: „…26 Familien obdachlos… Ein Häuserblock von ca. 30 Gebäuden in Schutt und Asche … zweifelsohne auf Brandstiftung zurückzuführen… anscheinend Petroleumlampe"... /15/ 

    Zur Einordnung dieser lokalen Tragödie ein Blick ins Weltgeschehen: im Kreisblatt gleichzeitig Schlagzeilen zur Hochzeit des Kronprinzen mit Herzogin Cäcilie: „Vermählung am Kaiserhofe“/16/.  - Und regional  finden sich Verweise zum hoffnungsvollen Kali-Fieber mit Bohrungen rund ums Ohmgebirge, z.B. Teufe des nahen Schachtes Bernterode und „… in Holungen ist man bei Teufe 451 m fündig geworden“. /17/

 












 


Neubauten 1906 nach dem Großbrand „Am Bache“ = mittlere Lange Str.   (Foto v. 1982:  M.W.)

Die umgehend solide und architektonisch ansprechend neu erbauten Häuser,  wie auch das repräsentative Sparkassengebäude, verdeutlichen, dass hier (im Gegensatz zu früheren Bränden) die Feuerversicherungen kräftig Pate standen.

Als nochmals drei Gehöfte im Jahr 1909,  acht Wirtschaftsgebäude  1911 sowie 1921 und 1937 zwei Scheunenreihen in Flammen standen, hatte sich das Brandgeschehen bezüglich der  Wohnbauten  bereits erheblich in Häufigkeit und Umfang reduziert.

Dafür lassen sich zeitgemäße Fortschritts-Bedingungen in Betracht ziehen:

a) Zunehmende Ausstattung der Häuser mit geschlossenen  Öfen und industriellen Küchenherden. Die althergebrachten offenen Herdstätten waren -im wahrsten Wortsinn- häufige „Brandherde“!

b) Die von der ‚Überlandzentrale Südharz‘ ausgehende  (durch den I. Weltkrieg unterbrochene) sukzessive Elektrifizierung des Ortes erübrigte offenes Licht; jedoch auch die Erfindung der Batterie-Taschenlampe verhinderte nicht immer den Umgang mit brennenden Kerzen oder Ölleuchten in Scheunen, Stallungen, Dachböden; so entflammte noch um 1980 ein Fachwerkhaus.

c) Fortschritte in Bildung und Erziehung dürften sich ausgewirkt haben, waren doch „fanzende“ Kinder und Jugendliche, der Magie des Feuers ergeben, häufig als Brandstifter benannt.

d)  Den  Umfang  der Brände reduzierte schließlich die mit Einzug der Motorisierung mobil und leistungsfähig gewordene Löschtechnik in den Händen qualifizierter Freiwilliger Feuerwehrleute. Dies zeigten auch zwei Blitzzündungen der letzten Jahrzehnte: die Flammen wurden schnell auf die getroffenen Nebengebäude beschränkt.


 Allen Florians-Jüngern sei hiermit zugleich für ihren selbstlosen Einsatz

  „Gott zur Ehr – dem Nächsten zur Wehr“   einmal Dank gesagt! 

Nachweise:

/1/   Schmidt, Urkundenbuch, Nr. 270 // E. Rademacher in EHZ 01/2013     

/2/  Martin Weinrich: „Därre Hozel un driege Quitschen“, Druck & Verlag   Cordier 1924, Reprint: Eichsfelddruck Heiligenst. 1990, S.40

/3/   Philipp Knieb, Geschichte des Pfarrdorfes Breitenworbis, Manuskript  von 1897, §11 in: Eichsfelder Dorfchroniken, Quelleneditionen, Eichsfeld Verlag Dortmund 2001. Ph. Knieb  war seit 1888 hiesiger Pfarrer, ab 1902 Erster Assessor im Bischöflichen Geistlichen Kommissariat Heiligenstadt.

/4/ Ebd.  § 28 u. 38 (7)        /5/  Ebd.  § 30; Pfr. König war Zeitzeuge und aktiver Nothelfer        /6/  Worbiser Kreisblatt Nr. 61 v.3.8.1859;  Einsichtnahme d.V. im Kreisarchiv  04.2008

/7/  „Berta‘s Hüs’chen“ - trotz Rettungsversuch d. V. als Baudenkmal erfolgte  Abbruch dieses  histor. Kleinods i. d. 80er DDR-Jahren. Der BCC wollte es restaurieren.

/8/  Worbiser Kreisblatt   Nr. 41  v. 27.05.1865       /9/  Ebd.  v. 03.05.1900        /10/  erste Telegrafenlinien (vor Telefon): vgl.  Knieb 3 § 8

/11/  Worbiser Kreisblatt   v. 06.05.1900     /12/  Foto v. 1905: wahrscheinlich Buchhändler  Heddergott mittels großformatiger Plattenkamera.  Repro: d.V. 1981.

/13/  Erfindung der Fotoplatte: um 1871       /14/   Worbiser Kreisblatt  Nr. 53  v. 05.07.1905        /15/ .Ebd. Nr. 54  v. 08.07.1905      /16/   Ebd. Nr. 45, 46  v.1905

/17/  Ebd. Nr. 61 v. 31.07.1905 betr. Förderschacht „Preußen“ Deutsche Kaliwerke AG sowie „Bismarckshall“ Bischofferode (bis Dez.1993 betrieben) u.Teufe von Neubleicherode.


Gewässer im / am südlichen Ohmgebirge:

BRUNNEN, QUELLEN, BÄCHE, TEICHE

im Bereich: Breitenworbis - Wüstung Hugenworbis - Kaltohmfeld

Text: Manfred Winter 02.2021  /  Bilder: Manfred & Hendrik Winter

Die letzten trockenen Jahre mit dem Waldsterben verdeutlichen uns: Wasser ist unabdingbares Lebenselixier der „Schöpfung“. Nur wo es nicht ‚erschöpft‘ oder vergiftet ist, kann Leben gedeihen: vom Einzeller über Tiere, Pflanzen bis hin zu uns umweltschädigenden Menschen.

Sehen wir uns in der Vorgeschichte unserer näheren Heimat um: schutzbietende Höhensiedlungen, wie die prähistorische Wallburg auf dem Breitenworbiser Kley (offenbar Eisenzeit), benötigten ebenso Wasserstellen, wie spätere Ansiedlungen in den Auen. Schließlich entstand Breitenworbis am Rhinlauf, sein Name soll auf wassergebundene Weidenbestände hindeuten: ‚Weydenworbetze‘. 


 1.   BRUNNEN im Bereich: Breitenworbis / Wüstung Hugenworbis / Kaltohmfeld

1.1. Ein prähistorischer Born am Fuße des Kley bei Breitenworbis 







 Wallgraben (Pfad zur Kleykuppe)  

                                                                                                              Das Börnchen am Kley-Fuß

Das schwer aufzufindende ‚Kley-Börnchen‘ wird zu Zeiten der frühgeschichtlichen Besiedlung des Kley (oder Klei) genannten markanten Berges (456 m) lebensnotwendig gewesen sein. Wie anhand von Wällen und Gräben zu erkennen ist, bestand auf dem Plateau eine prähistorische Wallburg, weit bevor die dörfliche Besiedlung im Eichsfelder Kessel - meist an Gewässern - um das 6 Jh. einsetzte. Die unerlässliche Zugehörigkeit einer Quelle ist auch für andere frühe Siedlungsplätze typisch. 

 

1.2. Dorfbrunnen in Breitenworbis

Breitenworbis, eines der größten Eichsfelddörfer, war bis zum ersehnten Bau einer zentralen Wasserversorgung nach 1985 auf öffentliche und private Brunnen angewiesen. Viele versiegten zu niederschlagsarmen Zeiten; besonders im Winter zur lebensnotwendigen „Hausschlachtung“ musste kostbares Nass aus nicht „trocken“ gewordenen Brunnen des Unterdorfes mühsam herangeholt werden. Wasser für die Tierhaltung schöpfte man dann aus dem alten Dorfteich oder aus der 1932/33 ausgeschachteten „Badeanstalt“ /ff./.

Zu Vorzeiten schöpften unsere Ahnen Wasser mittels Holz- oder Ledereimern aus offenen, mit Mauerkränzen umfassten Brunnen, in denen auch Kinder oder selbst Erwachsene tödlich verunglückten. Technischer Hochstand war eine Haspel (Seilkurbel) mit schützendem Brunnendach.

Nicht jeder Hausbesitzer konnte einen Brunnen bauen oder finanzieren; im Oberdorf waren erhebliche Tiefen bis zum Grundwasser erforderlich. Z.B. geht ein alter Hofbrunnen am Saal 16 m in den felsigen Untergrund, um in besten Zeiten 1,5 m Wasserstand zu haben. Auf mindestens 2 m Dmr. ausgestemmt und auf die lichte Weite von 1,50m mit Natursteinen ausgekleidet, war dies ein enormer, gefährlicher Aufwand. Als dann Ende des 19.Jh. gusseiserne Pumpen eingebaut werden konnten, erforderten solche Tiefen auch aufwändige sog. Tiefsauger mit knapp  über der Wasserfläche angeordnetem Pumpzylinder, deren Kolben über ein langes Eisengestänge vom „Schwengel“ betätigt wurden, so dass oft zunächst nur rostbraunes Wasser kam. (Die 'normale' Kolbenpumpe kann theoretisch, vom Luftdruck abhängig, bis max. 10,3 m - praktisch bis max. 7,5 m -  saugen, was im Unterdorf, besonders am Rhinlauf, mit wenigen Metern Tiefe einfacher zu realisieren war.)

 

Private Hofbrunnen im Oberdorf, erbaut um 1800:

 

 



Öffentliche Brunnen wurden von der Gemeinde gebaut und unterhalten, einige sind (zumindest andeutungsweise) noch erhalten. Im Unterdorf: der Angerbrunnen, 3 Brunnen in der Langen Str.: „Pertzborn“ / 'Am Bache' / 'Am Knick' / sowie a. d. Ecke Wilhelmstr.= 'Auf dem Eichsfelde '. 2 weitere finden wir 'Am Schlage‘ (Demokratiestr.) und auf der  'Sottel ' (Oststraße). Im Oberdorf: der ‚Hengstborn‘ und der Brunnen Kirchstraße. Zu beiden letzteren ein Steckbrief:


Der „Hengstborn“ ist der namhafteste von mehreren öffentlichen Schöpfbrunnen, die um 1896 mit gusseisernen Pumpen modernisiert und abgedeckt werden konnten.

Neben dem heute stilisierten Kunstbrunnen  an der Magistrale Halle-Kassel im Oberdorf von Battern geht der historische Brunnenschacht mit über 1,5 m Durchmesser etwa 11 m in die Tiefe. Mit wuchtigen Natursteinen ausgekleidet, ist er heute teils von der verbreiterten Fahrbahn überdeckt. Zur Namensgebung gibt die „Dorfchronik Breitenworbis“ von Pfr. Philipp Knieb (1896) Auskunft: „…Brunnen vor dem Thore… auch Hengstbrunnen genannt, weil 1822 zwei Fuchshengste … hineinstürzten, aber lebend und unverletzt vom Schieferdecker Meyer mittels seines Flaschenzuges herausgeholt wurden…“






Brunnen Kirchstraße vorm. Gertraudenstr.; Foto von 1898. [Reproduktion aus: Eichsfelder Dorfchroniken (Ph. Knieb; Hrsg.Pinkert, Montag, Sieland, Eichfeld Verlag 2001, S.74]

Dieser heute noch bestehende Brunnen liegt etwa 100 m nördlich vom Hengstborn, einige Meter tiefer am Berg mit der Kirche. Wasserrecht besaß auch die Pfarrei für einen Betrag in die Gemeindekasse.

Das Bild zeigt eine Holzabdeckung mit Seilkurbel für den Schöpfkübel. Danach wurde eine von der aufstrebenden Industrie gefertigte gusseiserne Pumpe von Handwerkern eingebaut.

 

1.3. Ein Hofbrunnen der Wüstung Hugenworbis

 

        Dorfstelle u. Brunnen Hugenworbis


Das ursprüngliche Dorf Hugenworbis soll spätestens ab 9. Jahrhundert bestanden haben und nach einer ersten Zerstörung der Harburg um 1165 aufgegeben worden sein. Für 1268 wird wiederum eine Besiedlung in Funktion eines Vorwerks der bis 1525 als Mainzer Amt bestandenen Harburg erwähnt. Hugenworbis wurde endgültig im 16.Jh. aufgegeben; Bewohner und Feldflur kamen nach Breitenworbis.

Vor dem Hintergrund der Harburg wurde um 1985 dieser Hof der Wüstung Hugenworbis (ca.13. Jh.) durch das Museum f. Ur-und Frühgeschichte Weimar unter Mitwirkung von archäologisch Interessierten der Region (Schülergruppe mit Lehrer G. Römer u.a.) freigelegt. Auch der Hofbrunnen wurde gefunden und ausgegraben. Die geschützte Tallage von Hugenworbis in einem Quellgebiet zwischen den zum östlichen Ohmgebirge gehörenden Bergmassiven von  „Hahnklippen“ sowie Harburg erbrachte schon bei wenigen Metern Tiefe sichere Wasserstände.-  Im Bereich Hugenworbis befinden sich mehrere Quellorte / ff.

Zunächst aber steigen wir über Forsthaus Hahn und Haynrode aufs Ohmgebirge und finden... 

1.4. Zwei historische Dorfbrunnen in Kaltohmfeld

Nicht nur von historischem Interesse sind 2 Dorfbrunnen dieses höchst gelegenen Eichsfeld-Ortes. Schon der Ortsname spricht für die klimatischen Bedingungen; zudem gewährleistet die Höhenlage über 500 m auf dem zerklüfteten Kalkfelsmassiv ebensowenig fruchtbare Ackerflächen, wie üppige Grundwasserstände oder ergiebige Bachläufe, welche demgegenüber in den Eichsfelder Tallagen frühe Ansiedlungen mit besseren Lebensbedingungen begünstigten.

Eine ursprüngliche Siedlung namens Huchelheim befand sich nordwestlich des heutigen Dorfes in einem Taleinschnitt des Birkenberges, der mit 533,4 m beide Siedlungsorte überragt. Sein Niederschlagswasser tritt dort in einer kleinen Quelle zu Tage; ihre Bezeichnung „Strötters Born“ („Streitborn“) könnte auf den Kampf der hier oben Siedelnden ums Lebenselixier hinweisen. Denkbar ist, dass auch Wassermangel zum Wüstwerden dieser Ortschaft in den Jahrzehnten noch vor dem Bauernkrieg beitrug.

Um das Jahr 1530 nahm mit der Ansiedlung einiger Bauern aus Adelebsen durch die Bodensteiner Herren der heutige Ort Kaltohmfeld seine Stelle und Gestalt an. In dieser Phase dürften zwei markante Dorfbrunnen geteuft worden sein, die entsprechend ihrer historischen Bedeutung heute in einem ansehnlich denkmalgerechten Zustand gehalten werden. Sie haben weite Durchmesser ähnlich wie Zisternen, um das flache Wasservolumen zu vergrößern. Die lokalen hydrogeologischen Bedingungen, z.B. Tonschichten mit Mulden im Kalkgestein, gewährleisteten für beide Brunnen brauchbare Wasseransammlungen, während weitere Brunnenbau-Versuche im näheren Umfeld erfolglos waren.


Dorfbrunnen „In den Birken“ Kaltohmfeld

Während über diesen zum Birkenberg hin höher gelegenen Dorfbrunnen auch von älteren Einwohnern keine Auskünfte zu erhalten waren, gibt der nahe beim Gasthaus zu findende „Hirtenbrunnen“ seine Geschichte auf einer Tafel preis: „Der Hirtenbrunnen wurde mit dem Wiederaufbau des Dorfes an dieser heutigen Stelle um 1530 gebaut… Bis 1958…Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. Jede Familie bekam pro Tage eine „Reise Wasser“ = 2 Eimer… per Schulterblatt nach Hause getragen. …in der Zeit von 8.00 bis 9.00 Uhr ausgegeben. Nach der Ausgabe… wurde der Brunnen verschlossen. Der Gemeindediener …hatte diese Aufgabe korrekt durchzuführen. Lange Zeit geriet der Brunnen in Vergessenheit. 1994 …als Wanderhütte neu gestaltet.“

 

      Der  Hirtenbrunnen  beim Gasthaus

Auf eine weitere Wasserstelle verweist die Schmiedebrunnenstraße. Sie befand sich in günstigerer, tieferer Lage zum Teich hin, dessen Zuflüsse den nach Worbis abfließenden Ritterbach speisen.  

  Die oftmalige Wassernot im Höhendorf führte 1956..1958 zur lokalpolitischen Aktion „Wasser für Kaltohmfeld“. Den Kaltohmfelder Bergleuten geschuldet, leistete der VEB Kaliwerk "Thomas Münzer“ Bischofferode Hilfe für den Bau einer ersten Wasserversorgungsanlage vom Bohrbrunnen im Segel. Für 1967 vermerkt die Ortschronik Bauarbeiten am Hochbehälter.

Diese Verbesserung war für die in den 1960er Jahren auf dem Birkenberg ansiedelnde sowjetische RADAR-Station (743. Funkortungskompanie der GSSD, gehörig zur 45. FuTBr Merseburg) von höchst „friedenssichernder“ Bedeutung. Allerdings zu regenarmen Zeiten wiederum zum Leidwesen der Alt-Eingesessenen: Wenn im Dorf die Wasserhähne trocken wurden, spritzten die „Freunde“ auf dem Berg ihre klobigen Militärfahrzeuge ab.  Oder: sie verunreinigten mit dreckigen Soldatenstiefeln und verölten Eimern den aufgebrochenen Hochbehälter, aus dessen tiefliegendem Reservoire sie sich das kostbare H2O holten. Beschwerden verantwortlicher Kaltohmfelder wurden in Siegermanier von Sowjetoffizieren und SED-Funktionären als feindliche Affronts abgetan: "Militärische Sicherheit ist wichtiger als Wasser im Dorf!" Um dies zu gewährleisten, zapfte die ins Dorf führende Wasserleitung im Hochbehälter 1 m oberhalb der Sowjet-Saugleitung… und zog frühzeitig Luft.

   Heute sind die Jahrhunderte alten Wassersorgen der Ohmgebirgler auf dem „Kalten Ohmfelde“ behoben: nach der politischen Wende verließen 1992 die sowjetischen „Freunde“ den Berg via Heimat, und die Wasserleitung wurde ins moderne kommunale Leitungsnetz integriert.

 

 2. QUELLEN nördlich/nordöstlich von Breitenworbis u. Bereich Hugenworbis

 2.1.  Bereich Rhintal

2.1.1. Die Rhin-Quelle


Alten Karten zufolge, ist diese bescheidene Quelle im Rhin-Tal (nach Kaltohmfeld zu) der Ursprung des Rhins. Sie entwässert in einen vom südlichen Ohmgebirge herabführenden tiefen Naturgraben, den Unwetter der Jahrtausende durch reißende Wasserströme vom Bereich Kälberberg (524 m) herab in den felsigen Untergrund erodierten. Zuletzt sind für Juli 1926 sintflutartige Wolkenbrüche über unserem Ohmgebirge dokumentiert, welche z.T. im Rhintal herunter strömten, das Unterdorf v. Breitenworbis überfluteten und Brücken zerstörten; in Worbis waren  Straßen tief ausgespült, in Niederorschel Mauern der Ohne weggerissen. Fotodokumente davon fand d.V. im Landesarchiv Gotha.

 2.1.2. Die Mittelberg-Quelle

Diese wird oft fälschlich für die eigentliche „Rhinquelle“ gehalten, zumal hier an malerischem Ort (mit Blick in den Eichsfelder Kessel) weitaus mehr reines Quellwasser entspringt. Hier eine selten starke Schüttung nach Schnee-Schmelze oder anhaltenden Regenfällen über dem gering wasserhaltenden Kalkfelsmassiv des Ohmgebirges.
Der Quellbach stürzt nach ca. 200 m in den Rhingraben, welcher zunächst den Batterschen Dorfteich speist, ehemals die Weiße Mühle und die Roggenmühle  antrieb und schließlich in Bernterode in die Wipper mündet. (Fotos/Repro: M.W.)


Die Weiße Mühle mit der Müllerfamilie Heinemann (betrieben bis Ende der 1950er Jahre)Dieses alte Foto hängt am historischen Ort im heutigen Landhotel "Weiße Mühle" 

 2.1.3. Born im Jopental

Jopental  könnte von 'Josef' abgeleitet sein. Es führt steil aufs Ohmgebirge (Langenberg).

Hier finden wir einen uralten Quellort, dessen Einfassung aus großen Kalkplatten seit Menschengedenken zerfallen war; vor Jahrzehnten stellte d.V. den historischen Zustand wieder her. - Als zu späten DDR-Zeiten die Breitenworbiser Brunnen durch Gülle- und Düngemitteleinflüsse ihre Trinkwasserqualität einbüßten, erhielt die Jopentalquelle den selbstredenden Beinamen: „Baby-Born“. Das saubere Quellwasser fließt ebenso dem Quellbach des Rhins zu.

2.2. Quellen & Bachlauf im Bereich Wüstung Hugenworbis

In einem geschichtsträchtigen Areal südwestlich der Ha(a)rburg und östlich der „Hahnklippen“ am Steilhang des Ohmgebirges befinden bzw. befanden sich historisch bedeutsame Quellen, wie Glockenloch, Butterloch und eine mit dem Namen Sinnborn. Deren Wässer speisen den Sinn-/Mohlbach, welcher nach ca. 2 km dem Rhin zufließt und in Bernterode in die Wipper mündet. In neueren Karten findet sich auch die Bezeichnung Mehlbach; beide Namen deuten auf die ehemalige Mol(l)mühle (?Mohlmühle=Mahlmühle) am unteren Bachlauf kurz vor der Schachtsiedlung  hin.

Die 3 Quellen sind durch althergebrachte Sagen mit der Harburg und dem Dorf Hugenworbis verknüpft: direkt am oberen Bachlauf wurden weitere aufschlussreiche Bauwerksrelikte von Hugenworbis ergraben.­ 

Einem wünschenswerten Vorhaben der DDR-Landwirtschaft hat die "Wende" leider einen Strich durch die Rechnung gemacht: Hier, wenige hundert Meter unter dem Wüstungsareal, sollte der Molbach als landwirtschaftlicher Wasserspeicher angestaut werden. Dies hätte Flächen der Wüstung Hugenworbis im Stausee verschwinden lassen und hat im Vorlauf die genannten Rettungsgrabungen verursacht. Der nicht mehr verwirklichte Speichersee hätte die landschaftliche Idylle südlich der Harburg ganz gewiss aufgewertet...  

 2.2.1.   Das sagenberühmte ehem. „Glockenloch          

 Im Hintergrund das Waldgebiet  "Hahn" - rechts der Pass "Hahnkopf" mit dem Forsthaus 'Hahn' (1838 erbaut)

Das Glockenloch (x) befand sich noch in den 1970er Jahren in der Tiefstelle dieser Ackerflur „Breiter Rasen“, bis es leider z. Zt. der kollektiven DDR-Landwirtschaft im Zuge der sog. 'Melioration' verfüllt wurde. Die Drainage-Rohre münden an der Ascheröder Str. gemeinsam mit dem Abfluss vom Butterloch in den Sinn- bzw. Mohlbach.  Gespeist aus Abflüssen des Ohmgebirges über den (von moorgefüllten Erdfällen geprägten!) Hahn-Forst,  quoll aus dem Glockenloch mit einem Durchmesser von ca. 3 m zu jeder Jahreszeit reines Quellwasser oft in starken Schüben hervor…          

Im Glockenloch soll(en) die Glocke(n) der Kirche von Hugenworbis versenkt worden sein, um sie dem Zugriff der Bauernhaufen zu entziehen, die 1525 brandschatzend zur naheliegenden Harburg zogen.

Etwas Reales ist die Grundlage jeder Sage: Wie archäologische Grabungen ab 1985 belegten, stand das Hugenworbiser Kirchlein wenige hundert Meter südlich vom Glockenloch entfernt; dies bestätigt die Bezeichnung des Flurstücks „Auf dem Kirchhofe“.

 

2.2.2.   Quellort „Butterloch



Das sog. Butterloch findet sich am südwestlichen Berghang unter der Harburg an der Ascheröder Straße. Meist versiegt, quillt aus seiner Tiefe nach Schneeschmelze oder anhaltenden Regenfällen klares Wasser in Schüben empor, während die ca. 100 m südlich am Hang liegende Quelle (s.u.: Sinnborn) kontinuierlich schüttet. In diesem Areal sind karstartige Auslaugungen und Erdfälle zu finden.

Die Sage: Hier am Butterloch wurde die von den Hugenworbiser Bauern frondienstlich zu liefernde Butter gewässert und dort von unersättlichen Rittern der Harburg (v. Bültzingslöwen) abgeholt.


2.2.3.   Quelle Sinnborn &  Sinnbach / Molbach

Hier in der alten Flurbezeichnung Sinnberg,  am Sinnbornsrasen, wurde der obere Bachlauf analog auch Sinnbach genannt, denn am Hang über dem heutigen Teich auf privatem Grund befindet sich eine weitere, ständig fließende Quelle, die seit Jahrzehnten überbaut ist. Erinnerungsgemäß handelt es sich um den historischen Sinnborn' der in den Wasserlauf von Glockenkloch und Butterloch einspeist und wegen der ehemaligen Mol(l)mühle Molbach genannt wird.

 

3.  Künstliche, stehende Gewässer:

3.1.  Battern's ehemaliger Badesee

Abgesehen vom Seeburger See im niedersächsischen Areal, ist unser Eichsfeld nicht sehr mit großen natürlichen Gewässern gesegnet. Im Eichsfelder Kessel finden wir zwischen Gernrode und Breitenworbis das sog. Seeloch, ein Restauge von einem sagenhaft einst großen, schiffbaren See. Umso mehr bereichern angelegte Teiche und wenige angestaute Seen unsere hügelige Landschaft.

Auch in Battern wurde einst eine Grube ausgebuddelt und als Badeteich mit Wasser gefüllt: amtlich-preußisch „Badeanstalt Breitenworbis“ genannt.

Fatal ist, dass unser kurzzeitiges Glücksobjekt von einer ansonsten unglücklichen Zeit hervorgebracht wurde: Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, politische Unsicherheit zum Ende der sog. Weimarer Republik mit dem Hineinschlittern in die tragische Zeit des Nationalsozialismus mit dem Weltkrieg. Die Badeanstalt entstand im Rahmen sog. ‚wertschöpfender Notstandsarbeiten. Anhand einiger aufgefundener Dokumente hier ein Bericht.

Für ein solches Vorhaben war unter den bekanntermaßen sportlich begeisterten Batterschen schon lange ideell der Boden bereitet - und eine sog. private Anleihe zwecks „Ausbau einer Badeanstalt“ hatte 1932 bereits den Betrag von 950 RM eingebracht, zu einer Zeit großer wirtschaftlicher Nöte.

Im Archiv findet sich ein mit „Worbis, d. 11.10.1932“ abgezeichneter Entwurf, ebenso das undatierte Formular „Kostenanschlag für Bau der Umkleideräume der Badeanstalt“. Als Material sind Rahmhölzer, Fichtenbretter, Dachsparren, Dachpappe… vorgegeben; derzeit undenkbar sind Mauerwerk, Beton, Fliesen, Duschen, WC, Filteranlage usw. So waren nur die Böschungen und das „Flache“ für die Nichtschwimmer mit groben Kalksteinplatten ausgelegt, vom „Tiefen“ durch eine schwere Kette getrennt. Dahinter wuchsen dann im wasserhaltenden Moorboden Schlingpflanzen, die man beim Auftauchen im Maul hatte.

Über amtliche Vorgänge betreffs Finanzierung und ausführende Tiefbau-Unternehmer finden sich keine Dokumente. Wie bei einem parallel ablaufenden Projekt an Rhingräben und Feuerteich, wurden vermutlich über den Unterausschuss f. Notstandsarbeiten des Landesarbeitsamts Mitteldeutschland Grundförderungen bereitgestellt und Kredite für die Finanzierung dieser Notstandsarbeiten vom Staat ausgereicht.

Jedenfalls hat das badelustige Battern nicht gezögert, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen. Das Vorhaben wurde umgehend in Gang gebracht und verwirklicht; bei der heutigen Bürokratie undenkbar!

Die Ausschachtung des großen Badeteiches muss in rasantem Tempo noch im Winter 1932 bis Frühjahr 1933 von vielen Arbeitslosen und Freiwilligen mit Schippe, Schubkarre und Feldbahn-Loren durchgezogen worden sein.  Bagger & Kipper > Fehlanzeige! Als Stundenlohn wurden derzeit 0,45 Reichsmark angesetzt.

Ausgehobene Erdmassen füllte man zur Nivellierung des mit dem Rhinlauf abschüssigen Geländes an.  Durch ein Wasserschloss konnte das Wasser (bis auf die Tiefstelle am Sprungbrett) abgelassen werden. Ringsum Grünflächen für Sonnenbad und Ballspiele, westlich und südlich Bretterkabinen.

Das Badewasser aus dem vorbeifließenden Rhinbach zu ziehen, war wegen der damals eingeleiteten Abwässer nicht möglich. Das folgende Bild zeigt die vom Sportplatz kommende Drainageleitung: Niederschlagswasser fließt durch die betonierte Weiche ins Schwimmbecken. - Doch die oft spärlich fließende Drainage des Sportplatzes führte leider zum Hygieneproblem.

 


Am 16.Juni 1933 schreibt der Worbiser Kreisarzt an den Regierungspräsident in Erfurt, der Breitenworbiser Schulze habe am 12.6. mitgeteilt:  die in diesem Winter u. Frühjahr erbaute Badeanstalt soll noch in diesem Jahr in Betrieb genommen werden.

Schon am 27.01.1933 (3 Tage vor Hitler’s Machtergreifung!) hatte der ‚Preußische Minister für Wirtschaft u. Arbeit‘ den BrW. Gemeindevorsteher informiert, wie die fälligen Zins- und Tilgungsraten für die als sog. wertschaffende Arbeitslosenfürsorge ausgereichten Darlehen eingezogen werden. - Während in einem Dokument vom 05.05.1933 noch Franz Wand als Gemeindevorsteher unterschreibt, so zeichnet am 22.08.1933 bereits der „kommissarische Gemeindevorsteher“ Raabe, was auf den politischen Umbruch in BrW. hinweist.

13.06.1933:  Der Kreisarzt hat mit dem Breitenworbiser Schulzen die Badeanstalt besichtigt und berichtet an den Regierungspräsidenten in Erfurt: …„Das Wasser wird einem Quellgebiet in einem Wiesengrund zwischen Breitenworbis und Bernterode entnommen. Es ist vollkommen einwandfrei und können keinerlei Schmutzwässer hineingelangen. Die Anlage der Badeanstalt ist gut, es sind nur noch keine Umkleideräume vorhanden und es fehlt auch noch die Umzäunung… sollen in diesem Jahr nur provisorisch hergerichtet werden, da die Gemeinde in diesem Jahr keine Mittel mehr dafür zur Verfügung hat, und das Holz [für Kabinen und Umzäunung] kann erst im kommenden Winter in den Gemeindewaldungen geschlagen werden. Die Treppen bzw. Leitern, die in das Wasserbassin führen, sind mit Geländer zu versehen, das Sprungbrett bzw. der Sprungturm, wenn ein solcher überhaupt errichtet wird, darf im höchsten Fall 1,50 m über dem Wasserspiegel liegen, da die zum Springen besonders hergerichtete Vertiefung nicht weit genug gezogen ist. Für die Anstellung eines tüchtigen Badeaufsehers ist Sorge zu tragen, der selbstverständliche ein ausgezeichneter Schwimmer und Taucher sein muß. Eine Tafel mit den Vorschriften zur Rettung Ertrinkender ist aufzuhängen. Ich empfehle die Genehmigung zum Betriebe der Badeanstalt für dieses Jahr zu geben und die endgültige Genehmigung von einer neuen Besichtigung im kommenden Frühjahr vor Einlass des Wassers abhängig zu machen. (gez.) Dr. … Medizinalrat“.

Mit Schrb. v. 02.03.1934 an den Schulzen stellt der Kreisarzt zur Aufstellung des 'Jahresgesundheitsberichtes' für 1933 div. Fragen wie: Teich- Fluss-Stauanlage, Größe, Türme 3,50m / 10 m, Umkleide-Zellen, Rettungsgeräte, Duschen, Arztzimmer… (Letztere Positionen waren für die dörfliche Situation dieser armen Zeit zwei Nummern zu groß; nur das Machbare wurde realisiert.)

Wenige Jahre später steckten viele hoffnungsfrohe, von ihrer ‚Badeanstalt‘ begeisterte junge Breitenworbiser in Uniformen und starben an Hitler’s blutigen Fronten; etwa 200 Breitenworbiser haben ihre Badeanstalt nicht wiedergesehen.

Nach dem niederschmetternden Krieg war die „Badeanstalt“ das gesundheitsfördernde Eldorado für uns ärmlich, aber nicht stubenhockerisch aufwachsende Kinder. Hier haben wir uns selbst oder mit Hilfe von ‚Bademeister‘ Karl Große das Schwimmen beigebracht, uns viele Stunden bei Sonne und Wind glücklich in naturhafter Umgebung in Gesellschaft ausgetobt (und wir Jung’s haben auch schon mal durch die Astlöcher der Umkleidekabine für die Mädchen "gelunzt"… und umgekehrt!).

Noch heute erinnert man sich der abrupten Zäsur, als unser Freibad hunderten von Mast-Enten überlassen und  deren üble Exkremente ruchbar wurden. Das dürfte um 1964 gewesen sein.

Mit diesem Dia  spotten wir Batterschen Karnevalisten 1976 in der Bütt über traurige  "Errungenschaften"  der  "fortschrittlichen"  DDR

Die DDR-Hygieneaufsicht hatte das Baden wegen unzureichender Wasserqualität verboten und vollendet stinkende Tatsachen geschaffen.

Frage an unsere Leser:

Wer hat alte Fotos vom Baden ?










Seit Jahrzehnten frönen Angler am ehemaligen Batterschen Freibad ihrem Hobby.

                                                          - - -

3.2.   Dorfteich Breitenworbis

 

                                     Teichfest

Vom Rhin gespeist, wurde er frühzeitlich mit dem Wachsen unseres 1238 ersterwähnten Ortes "zur Sicherheit" angelegt. (Ph. Knieb a.a.O. / sh. auch oben: "Großbrände...")

Hier am ältesten künstlichen Gewässer des Dorfes endet unsere feuchte Exkursion. Danke für Ihr Mitkommen!

„Ohne Wasser – merkt Euch das! – ist uns’re Welt ein leeres Fass…“




 

 


DENKMALE  in Breitenworbis

 Manfred Winter 28.03.2021

Denkmal = „ Denk mal (daran)! "  Ohne Denkmale kommen uns Schicksale oder gar Schuldhaftigkeit von Vorfahren (zumeist in Verbindung mit kriegerischer Gewaltanwendung) kaum in den Sinn.

Das älteste virtuelle Breitenworbiser Denkmal betreffs Krieg und Gewaltherrschaft dürfte sein bekannter Neckname selbst sein:  BatternWie kann es dazu gekommen sein?

Der 1879 geb. Großvater H. antwortete auf die forschende kindliche Frage des Verfassers: „Hie ha‘n de Franzosen mol ornd’tlich  Drasche gekrein!“, authentisch wiederum von dessen Großvater überliefert.

Als plausible Erklärung findet sich: ‚battre‘ (frz.) = schlagen, kämpfen; vgl. Bataillon, Combat usw.

Diese denkmalhafte Brandmarkung ‚Battern‘ ist der napoleonischen Besetzung 1806..13 zuzuordnen: ab 1807 Regentschaft von Napoleons Bruder Jerome mit seinem teuren Hofstaat in Kassel, „König Lustigk“ genannt. Eine Ausstellung auf Schloss Wilhelmshöhe in 2008 belegte anhand originaler Dokumente, dass ständig zunehmende Erpressung von Steuern, Naturalabgaben, Gespann- & Wehrdienste usw. die Aufsässigkeit auch von Eichsfelder Untertanen hervorrief, denen die napoleonische Administration mit restriktiver Überwachung durch die "Hohe Polizei" und gewaltsamen Repressionen Herr zu werden versuchte. So lassen sich tätliche Angriffe von erbosten Breitenworbisern auf deren Besatzer bzw. Beamte erklären. Denkbar auch tätlicher Widerstand bei Rekrutierungen nach Einführung der Wehrpflicht.

Schließlich starben 19 rekrutierte Battersche in Napoleons Spanischem Krieg, 4 in Russland. Letztlich in den Befreiungskämpfen opferten 4 Männer ihr Leben. 

Kaum ein Eichsfelder Ort entbehrt eines (meist historisch fundierten) Necknamens. Dass in Breitenworbis die Batterschen Schnallenköppe zu Hause sind, leitet sich offenbar aus Herstellung und Handel von Lederwaren ab: neben Bauern und Hauswebern waren Schuhmacher, Sattler im Ort stark vertreten; sie fertigten Schnallen als Vorreiter von Druckknopf u. Klettverschluss, die von Reffhändlern weit verbreitet wurden.

 Gegenständliche Denkmale in Breitenworbis

Zahlreiche Bildstöcke, Klüs’chen, Kreuze in Ort und Gemarkung Breitenworbis, Christi Todes und des Vorbildes vieler Heiliger gedenkend, sind als Devotionalien  nicht unserem Thema „ Denkmale“ zuzuordnen.


 

Der älteste  Gedenkstein, das Grabmal von Pfr. Hübner (+1831) auf dem Vitus-Kirchhof, erinnert uns:

"Vergänglichkeit ist alles Irdischen Loos ".

Über diese natürliche  Bestimmung unseres Erdenlebens hinaus, werden immer wieder Menschenleben durch Hass, Machtgier, Krieg und Gewalt ausgelöscht, auch durch die Schuld eines sogenannten 'Vaterlandes'.

Gebete der Gläubigen zu Gedenktagen schließen  alle Opfer von Krieg und Gewalt   ein.


(1)  Das „Kriegerdenkmal“

Standort: an der Magistrale Halle-Kassel (heutige L 3080) in der Südwestecke der Kirchmauer von St.Vitus.

Hier stand bis 1861 das älteste Schulhaus; sein Abbruch ermöglichte die Verbreiterung der Langen Gasse, deren Einbindung in die um 1823 hergerichtete o.g. „Große Rheinstraße“ und die freie Sichtposition aus Richtung West auf ein Denkmal. 

Das Anliegen ergibt sich aus Bezeichnung und Inschriften.

Angaben zur Errichtung: Örtliche Chronikvermerke z.Zt. nicht aufgefunden; Zeitzeugen ausgestorben, Befragung Älterer und geschichtlicher Insider ergebnislos, Kreisarchiv z.Zt. nicht zugänglich.

Während sich zunächst keine Zeitdokumente zum Kriegerdenkmal fanden, tat sich unerwartet eine für diese Jahrzehnte symptomatische Vorgeschichte auf, die weiteres erkennen ließ [2].

1910: Vorläufer des Kriegerdenkmals:  "Friedenseiche Breitenworbis“

Ein „ergebendstes Ersuchen“ des (nach den Einigungskriegen gegründeten) Kriegervereins vom 02.02.1910 an den „wohllöblichen“ Ortsvorstand bezieht sich auf die angeordnete Ausgestaltung der Friedenseiche vor der Kirchhofsmauer. - Der Kriegerverein betont zunächst die „…Ehrensache der Gemeinde Breitenworbis, ein Andenken, aus einer so ruhmreichen Zeit, welches den Nachkommen die Versin[n]bildlichung Deutscher Einigkeit und Größe, täglich vor Augen führt, zu erhalten und… durch Einfriedung zu schützen“… „Die Genehmigung_ Abbrechen der Ecke, der alten Kirchhofsmauer und Rückversetzung derselben, der Anlage entsprechend, freie Benutzung der erforderlichen Grundfläche, ist dem Kriegerverein von der zuständigen Geistlichkeit erteilt.“ Zudem erwartet der Verein, dies aus der Gemeindekasse zu finanzieren: seine Kriegsveteranen, „…die Helden aus großer Zeit…“ sollten nicht noch mal  Opfer bringen. 

Ein Schreiben des Kreisbaumeisters Bär belegt, dass schon 1871 eine Friedenseiche innerhalb der Kirchhofsmauer gepflanzt wurde.  (Dies war in deutschen Landen nach den sog. Einigungskriegen, mit dem Sieg Preußens und der Gründung des Kaiserreiches 1871, in überschäumender Nationalromantik vielfach üblich.

In der Kirchmauer-Ecke stehend, sollte 1910 die schon stattliche Eiche jetzt in den öffentlichen Raum einbezogen werden. Dazu findet sich ein örtlicher Entwurf mit schmiedeeisernem Gitter vor Baum und Mauerbogen, der jedoch von Kreisbaumeister Bär mit einem Gegenentwurf ohne Gitter abgelehnt wurde. Handschriftlich v. 28.05.1910 belehrt Architekt Bär den Schulzen Rudolph (der als Bauer eine weitaus bessere, gestochene Handschrift zeigt!): „… ist ein derartiger Friedensbaum dazu da, daß man sich in seinem Schatten mal Ruhe gönnt und über den uns gnädig beschiedenen Frieden nachdenkt…“.


Der Kreisbaumeister zeichnet die Denkmalswand (‚Pergola‘) mit einer Sitzbank und gebietet: „…künstliches Material darf nicht verwendet werden… Das Bruchsteinmauerwerk ist genauso wie das vorhandene der Friedhofsmauer herzustellen.

Bär's Entwurf wurde vom Denkmalkonservator der Provinz Sachsen zu Merseburg bestätigt: „…meines Erachtens recht glücklich und erschöpft den Reiz der Aufgaben…


Am 28.Mai 1910 landete diese Zeichnung mit dem vom Kreisbaumeister angepassten Kostenanschlag als Auftrag beim Breitenworbiser Baugeschäft Andreas Wucherpfennig.

Der Maurermeister & Steinmetz legte am 29.11.1911 Rechnung: „Friedenseiche lt. geprüftem …Auftrag von 28.V.1910 mit einer Mauer umfriedigt, einschl. Lieferung der Abdeckplatten, Stützen, Gedenktafel sowie Sand, Steine, Cement pp. 281,33 Mark."














Relikt einer Tafel an der „Friedenseiche“  mit stilisiertem ‚Eisernen Kreuz‘ und Lorbeerkranz



Der I. Weltkrieg:

Keine drei Jahre saßen „Battersche“ friedlich unter ihrer Friedenseiche…

1914: Kaiser Wilhelm II. bläst zum Kampf.

Der innige Wunsch des 1902 von Pfr. Dr. Iseke getexteten Eichsfeld-Liedes  „…schlägt meine letzte Stunde, es sei auf Eichsfelds Grunde!“ ist vielen jungen Eichsfeldern nicht mehr vergönnt: auf fremdem, fragwürdigem „Feld der Ehre“ sterben in ungekannt grausamen Materialschlachten bis 1918 etwa 40 Mill. Menschen, dar. mindestens 102 junge Breitenworbiser Männer „für Kaiser Volk und Vaterland“. Folgend Revolte, Abdankung des geschlagenen Kaisers, Ausrufung der schwächelnden Weimarer Republik… Im großen Dorf bestimmen Trauer und neue Sorgen das Leben: die Vervielfachung von Leid und Nöten relativiert das Gedenken an wenige Einigungshelden von 1870/71. Kriegstrauer unter einer Friedenseiche? Eine neue Bedeutung wird der Gedenkstelle zugeordnet:

Nach 1918: Umgestaltung zum „Kriegerdenkmal

Hierüber ergeben Pfarr- oder Gemeindeakten keine Belege, jedoch ein aufgestöberter „Heimatborn“  (Thür. Gauzeitung Nr. 35/1938) rückblickend:

Gleich nach dem Kriege entschloß sich die Gemeinde, den Gefallenen ein Ehrenmal zu errichten. Sammlungen wurden veranstaltet, doch das Geld wurde durch die Inflation wertlos. … im Jahre 1922 konnte es eingeweiht werden. Hierbei zeigte sich mal wieder der große Opfersinn unserer Einwohner.“   Das genannte Jahr dürfte jedoch die Projektierung  der Umbauarbeiten betreffen: Von der eigentlichen Einweihung 1924 berichten Ausgaben vom "Eichsfelder Anzeiger"- groß aufgemacht - am 12.11. und 15.12.1924  [6].

Ein Firmenlabel belegt: der Erbauer von 1911 erhielt auch den Auftrag für die Umgestaltung.

Vergleiche der o.a. Zeichnung von 1910 mit späteren Fotos zeigen die architektonische Umsetzung der gewandelten Intension in ein den Weltkriegsopfern gewidmetes Denkmal.

Wie d.V. vermutet, wurde die nunmehr vorn entfernte etwa 50-jährige Friedenseiche durch zwei hinter dem Denkmal, vor dem Steinkreuz gepflanzte Eichen ersetzt, deren Alter heute ca. 100 Jahre betragen kann. - 

Im ‚Kriegerdenkmal‘ von 1924 findet sich die Grundgestaltung von 1910 wieder, z.B. das Tympanon über der lebensgroßen Landser-Plastik aus Betonwerkstein. Hier heißt es unsentimental:   „Opfer des Weltkrieges 1914-18“. Auf 6 trauerschwarzen Glastafeln sind Name und Todesjahr von 109 Gefallenen / Vermissten graviert. Die Bank davor beizubehalten, war unangemessen.

 


Denkmal v. 1924: Der kaiserliche Landser war von 1945 bis 1990 vor den Alliierten bzw. DDR-Machthabern versteckt

 Ehrende Zeremonien am „Kriegerdenkmal“, wie die Niederlegung von Kränzen und Intonation von Trauermärschen bei großen Umzügen zu Schützen-, Feuerwehr-, Sport- und anderen Breitenworbiser Volksfesten sind bis in die Gegenwart erhalten.

Zu Zeiten der Weimarer Republik dürfte dies patriotisch-ehrend angedacht, aber nach 1933 zunehmend durch örtliche NS-Protagonisten mit der Verherrlichung von Soldatenehre und „Heldentod“ belegt worden sein, bevor Hitlers Gewaltherrschaft und Eroberungskrieg über 55 Mill. Menschen in den Tod trieb.

Aus Breitenworbis starben während NS-Zeit und II.Weltkrieg: ein jüdischer Familienvater (im KZ +1942) und mindestens 193 zumeist wehrpflichtige Soldaten im Durchschnittsalter von 27 Lebensjahren. *)

April 1945:  Rettungsaktion zu Kriegsende    [7]

Anfang April näherten sich westalliierte Einheiten dem Raum Eschwege-Kassel, wie man durch heimliches (von den Nazis bei Todesstrafe verbotenes!) Abhören von Radio London gewahrte. Über das schnelle Heranrollen der US-Amerikaner im Bilde, verständigten sich wenige vertraute Männer (darunter der Vater d.V.) über die Wahrscheinlichkeit, US-Panzer würden das in direkter Schusslinie der Reichsstraße 80 liegende Kriegerdenkmal mit dem augenfälligen Landser - fehlgedeutet - zerschießen.

Zeuge der folgenden Aktion ist der zum Schweigen verpflichtete Autor M.W. :

Bei einsetzender Dunkelheit etwa des 8. April 1945 (die verängstigten NSDA-PG‘s warfen wohl soeben ihre Pistolen in den Teich!) schafften 5 verlässliche Männer die lebensgroße Landser-Statue des Kriegerdenkmals unbeobachtet in den finstersten Scheunenwinkel von Bauer Hermann Rudolph unters Stroh.

Nachdem ein US-Verband vor Leinefelde übernachtet hatte, rollten am Vormittag des 10. April in Breitenworbis ungezählte Panzerspähwagen, Panzer und Truppentransporter auf das direkt im Visier postierte Kriegerdenkmal zu… ohne die nun reizlose Denk-Mauer zu zerstören. Auf der Kreuzung soll nur ein Warnschuss in die Luft abgegeben worden sein; man hatte die Übergabe des Ortes signalisiert. Nachdem die nahe Heeresmunitionsanstalt kampflos eingenommen war, standen die Straßen voller Militärfahrzeuge; die „Ami’s“ beschlagnahmten Häuser als Quartiere, suchten nach Radios, Ferngläsern, Fotoapparaten und … Eiern, bedrängten junge Kriegerwitwen, die sich nicht hässlich vermummt hatten...

Spätestens beim Besatzungswechsel Anfang Juli 1945 hätten wütende Politkommissare der Roten Armee intuitiv zumindest unser militantes Landser-Standbild vom Sockel gestürzt…

Weil die wenigen Beteiligten, incl. d.V., ihr Schweigen wahrten, überdauerte die versteckte Skulptur rigide Zeiten der sowjetischen Besatzung sowie der nachfolgenden „antimilitaristisch-antifaschistischen“ DDR.

Ein ‚imperialistisches‘ Kriegerdenkmal im ‚sozialistischen Dorf‘?

Unser Landser-freies Kriegerdenkmal überstand - im wahrsten Sinn des Wortes - die stalinistische Besatzung der Sowjetzone und ab 1949 die „Diktatur des Proletariats“ der DDR. Denkmale für ‚imperialistische‘ Krieger passten der gegen ‚Imperialisten‘ und ‚Militaristen‘ polemisierenden SED-Ideologie nicht ins Bild ihrer ‚friedenssichernden vorwärtsgewandten sozialistischen‘ Gesellschaftsordnung.- Den geschichtlichen Realitäten trug das Dorf Rechnung, indem das historische „Krieger-“Denkmal“ in erweiterter Intension als Mahnmal für Opfer von Krieg und Gewalt in ehrendem Zustand gehalten wurde. So legitimierte man es auch vor herrschenden Polit-Ideologen: Ein aus Werkstein stilisierter Kranz kaschierte die Nische des verschollenen Landser’s, und ein bescheidener Gedenkstein wurde hinzugefügt: „1935-1945 Den Toten zur Ehrung – Den Lebenden zur Mahnung“. Das Denkmal wurde gepflegt; bauliche Erhaltung erfolgte nicht.

Die Namen von über 193 *) an Hitler’s blutigen Fronten Gefallenen, Vermissten oder in alliierter Gefangenschaft verstorbener Männer des Ortes anzubringen, war aufgrund ‚antifaschistischer‘ Tabus in der DDR undenkbar. Erinnert sei, dass selbst die unfreiwilligen wehrpflichtigen Hitler-Soldaten als Kriegsverbrecher betrachtet wurden und Kriegerwitwen / -Halbwaisen kaum staatliche Unterstützung erhielten. Auch in der westlichen Republik hatten Hitler’s „Helden“ zunächst keinen glorifizierten Stand.

Namenlose Opfer brachten auch Flucht und Vertreibung, die viele Deutsche aus den Ostgebieten auch ins Eichsfeld verschlugen. Sich als „Landsmannschaften“, wie in der BRD, zu organisieren, war als „revisionistisches“ Ansinnen undenkbar: Unrecht wurde totgeschwiegen.

Auch über mindestens 11 durch die stalinistische Besatzungsmacht im August 1945 in sog. SpezLag’s des NKWD (wie Buchenwald, Mühlberg, Ketschendorf) verschleppte NSDAP-Mitglieder aus BrW., von denen 7 nicht zurückkamen, oder über politisch inhaftierte DDR-Bürger, herrschte eisiges Schweigen. Der Willkür unterworfen, hatten sie keine Chance, sich vor ordentlichen Gerichten für ihr Tun oder Lassen zu rechtfertigen. Alle zählen zu Opfern von Gewaltherrschaft und Krieg, derer zu gedenken ist.

Für unsere in der längsten Friedensepoche aufgewachsenen jüngeren Generationen verloren inzwischen Begriffe wie „Kriegsfall“, „Wehrpflicht“, „Einberufung“, „Stellungsbefehl“, „Heldentod“ oder „Flucht & Vertreibung“ ihre Schrecken. - So verliert sich auch das Bewusstsein, dass Gräber der Soldaten beider Weltbrände des letzten Jahrhunderts kaum auf ihren Heimatfriedhöfen zu finden waren. Die meisten sanken namenlos in fremde Erde und konnten nicht auf würdige Soldatenfriedhöfe umgebettet werden, ein Anliegen der Kriegsgräberfürsorge.

Nach der politischen ‚Wende‘ entfielen die geschilderten ideologischen Zwänge: zu Allerseelen 1990 stand der historische kaiserliche Landser wieder ungefährdet im Blickfeld. Das Breitenworbiser Mahnmal wurde zusätzlich von 2 ähnlich gestalteten schwarzen Gedenksteinen flankiert:  „1870-1871 Zum ehrenden Gedenken“ betrifft Opfer der sog. Einigungskriege, speziell des deutsch-französischen Krieges /s.o.  Friedenseiche/.


Zum 2. Stein „1939-1945 Den Toten zur Ehrung - Den Lebenden zur Mahnung“ die Namen der Opfer anzubringen, war im Gespräch.

1992 erforderte die Erweiterung des Kreuzungsbereiches der Bundesstraße 80 ein Einrücken und Umgestalten des Denkmalbereiches.

Gegenwärtiger Zustand des Kriegerdenkmals von Breitenworbis: Ein Jahrhundert Standzeit hinterlässt an stahlbewehrten Betonblöcken mit vorgesetzter Kalkschicht irreversible Schäden: das Denkmal ist im Zerfallszustand. Mit Schreiben v. 2014 und 2021 brachte d.V. dem Gemeinderat die Notwendigkeit baulicher Erhaltungsmaßnahmen nahe. - Eine Entscheidung steht aus.

Im Hintergrund vor dem Steinkreuz: die genannten ca. 100-jährigen Eichen, vermutlicher Ersatz der "Friedenseiche"

*

(2)    Gedenkstein für die sog. „Polengräber“

Im Gedenken an Opfer von Krieg und Gewalt dürfen  3 besondere Gräber auf unserem Friedhof  nicht in Vergessenheit geraten:

Durch Zwänge der kriegswütigen Hitlerdiktatur  ruhen hier fern ihrer Heimat auch 3 Mitmenschen, die als Fremdarbeiter  ins Eichsfeld verbracht wurden, um in Landwirtschaft oder Haushalten an die Fronten eingezogene Arbeitskräfte zu ersetzen. Nachdem ihre Grabmale zu DDR-Zeiten verwitterten, bis die Personalia kaum noch lesbar waren, setzte ihnen die Gemeinde Breitenworbis nach der Wiedervereinigung einen Gedenkstein, etwa mittig des Friedhofs. - Unter der Annahme, dass es sich um Katholiken handelt, fand sie d. V. im Sterberegister der Pfarrei. Auch das Standesamt weist aus, dass diese polnischen Fremdarbeiter in der Landwirtschaft (z.B. Gut Buhla, Wallrode), teils nach Unfall, sterbend in unser Krankenhaus eingeliefert wurden; so Taddäus Pawlowski mit erst 22 Jahren!  (Namen und Daten auf Urkunden von Pfarrei, Standesamt und Gedenkstein weichen teils voneinander ab.)

Ältere Breitenworbiser erinnern sich einiger polnischer Dienstmägde und Knechte im Ort, die zumeist gütig in Familien einbezogen waren.

Bekanntlich waren in der Heeresmunitionsanstalt Bernterode (auf dem 1931  stillgelegten Kalischacht der Wintershall AG) zunächst Zwangsarbeiter und nachfolgend polnische, französische  italienische, russische Kriegsgefangene eingesetzt. Bis zu 700 vegetierten in umzäunten Baracken, fertigten und transportierten Munition, die Hitler gegen deren eigene Länder und Landsleute einsetzte.

Bisherige Erkenntnisse zu diesem traurigen Kapitel sagen nichts über Todesfälle auf der HMA aus, die naturgemäß unvermeidlich waren. Dieser militärische Geheimbereich ist örtlich nicht beurkundet. -  Ausnahme ist der Tod eines „…Holländer auf dem Schacht Bernterode…überfahren von Militärauto“ [3]. Dies fällt in die Zeit der US-Interimsbesetzung (10.04.- ca. 02.07.1945). Offenbar zählt der ‚Chefkoch’ genannte Herr Jelsma zu den auf die HMA verschleppten Zwangsarbeitern, die auf Repatriierung warteten; noch im Juni 1945 waren ca. 500 Displaced Persons auf dem militärischen Gelände interniert.

Alle Opfer von Krieg und ungerechter Gewalt mahnen uns zu Frieden und Versöhnung; Denkmale zu pflegen und zu erhalten, ist moralische Pflicht auch jüngerer Generationen.

*

(3)    Gedenkstein und  Battern's „Deutsche Eiche“

Die zuvor beschriebenen traurigen  Denkmale in Breitenworbis wurden jüngst in erfreulichem Sinne ergänzt: nach der friedlichen Wiedervereinigung unseres Landes durch einige dankbare Bürger in der Straße der Demokratie gesetzt.



Gedenkstein und Deutsche Eiche stehen in würdiger Nachfolge der 1922..24 dem Kriegerdenkmal gewichenen Friedenseiche.

Sie mögen die jüngeren Generationen erinnern an die historischen Geschenke

 > friedlicher Jahrzehnte nach 2 blutigen Kriegen 

 > freiheitlicher Demokratie nach 2 Diktaturen.


 Hinweise:

*) Zahl im Sterberegister der katholischen St.-Vitus-Pfarrei ermittelt; ist auf Katholiken bezogen: real liegt sie höher, zieht man Urkunden des Standesamtes heran. Etwa 6 % der Einwohner mussten ihr Leben sinnlos lassen; das Durchschnittsalter errechnet sich zu 27 Jahren. Ein geringer Anteil an Berufssoldaten, erkennbar an höherem Lebensalter.

[1] Philipp Knieb, Eichsfelder Dorfchroniken, Quelleneditionen I, Eichsfeld Verlag 2001

[2] 'Acta' Schulzenamt

[3] Archivarien Kath.Pfarramt St. Vitus

 [4] Standesamt der VG Eichsfeld-Wipperaue

[5] Müller / Pinkert, Kriegsende und Neubeginn, Eichsfeld Verlag  2003

[6] Für diese freundliche Mitteilung danke ich Herrn Mathias Degenhardt, VEH e.V.

[7]  Zeitzeuge M. Winter (d.V.)

Text, Fotos, Reproduktion: M.W.  /  Drohnenfotos: H.Winter

 


 

 Historische Gehöfte in Breitenworbis

Zur Geschichte markanter Grundstücke und ihrer Bewohner

Manfred Winter

 

 1. Anwesen der „Sippe Adam“

Hinweis: Alte fortlaufende  Hausnummern (seit 1773) sind mit ‚#‘ gekennzeichnet.  > 1908 nach Straßen neu nummeriert. Abk.: ‚BrW.'=Breitenworbis / ‚d.V.‘= der Verfasser /  ‚s.u.‘= siehe unten /  ‚ff.‘  = folgende Seiten

 Adam-Anwesen:  links v. d. Kirche= alte Haus-Nr.4 und #173 (‚Vor dem Tore‘,  ab 1908 > Kasseler Str.7)

Westlich der Kirche gibt heute ein Parkplatz die Sicht auf das Kriegerdenkmal und St. Vitus frei. Hier stand der anno 1847 an das Ursprungshaus #4 angebaute große Bauernhof Adam #173, dessen letztlich zerfallende Gebäude im Jahr 2014 zu Gunsten des Ortsbildes abgebrochen wurden.

 2013: Der zerfallende Bauernhof  #1 73

 2014: Abbruch #173, links: die denkmalgeschützte #4

                                      

Fotos: M.Winter


Das Ursprungshaus der „Sippe Adam“ mit der alten Haus-Nr. ‚4‘- war seit 1991 unter Denkmalschutz gestellt und erlangte nach ungewissen Jahrzehnten als historisches Battersches Kleinod weite Bekanntschaft, nachdem die geschichtsträchtige Ruine durch das denkmalpflegerische Engagement von Frau Angelika Dietrich restauriert und anno 2018 als uriges „Cafe Hexenhäus‘chen“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde /ff.  letzter Abschnitt/.

Rückwand links.: Ursprung vermutl.16.Jh. / re.: Anbau von 1794


Wie die vorstehenden Fotos erkennen lassen, wurde das alte Fachwerkhaus übersetzt und westseitig durch den 1 m südlich vorragenden Anbau vergrößert. Die südseitige Dachfläche verlängerte man in der Breite vom Anbau; das nunmehr asymmetrische Dach verleiht dem heutigen „Hexenhäus‘chen“ die markante Kontur.

Als Baujahr wird oft  fälschlich die Balkeninschrift am Anbau von  1794 angenommen. Diese betrifft jedoch die Erweiterung des alten Ursprungshauses! Bauherr (‚BH‘!) dieser Erweiterung war offenbar der 30jährige Andreas Josef Adam (1764-1840), nachdem ihm sein Vater Jakob Adam das Haus #4 überlassen hatte.


Dieses Adam-Stammhaus mit der alten Straßenbezeichnung 'Vor dem Thore', dürfte nunmehr das älteste Wohngebäude in Battern sein.  Nach Ermessen d. V. deuten viele Merkmale am Bauwerk auf seinen Bestand bereits weit vor  dem Neubau der benachbarten Kirche St. Vitus (1685 geweiht) hin.

Man kann man davon ausgehen, dass der 1710 erstgenannte Besitzer Joachim Raabe das bereits bestehende Haus erworben oder ererbt hatte. Es ging auf dessen Sohn Jacob Raabe über, später auf den Tischler Jakob Seboth, der es an Jakob Adam verkaufte. Nachfolgend blieb die ‚Sippe Adam‘ über 2 Jahrhunderte mit dem Grundstück verbunden. Das alte Haus überstand nahe herangerückte Feuersbrünste, wie 1772 (obere Lange Gasse), 1900 (Anger-Kirchstr.) oder 1905 (mittlere Lange Gasse). /3/

*

Zunächst eine genealogische Übersicht zum Hofbesitz  Adam

(Orientierung an K. Hartung [2] und einigen Auskünften von Ahnenchronist Werner Fischer [3]).

 Im Zeitraum ab 1700 taucht der Name Adam erstmals in BrW. betreffenden Akten auf.  [3]

1.    Stammvater Mathias Adam (+1762, zunächst noch als Adami  beurkundet) stammte aus Wachstedt.  Er war Schmiedemeister und heiratete hier 1715 Klara Elisabeth Groß; beide hatten 7 Kinder [2].

2.    Deren 4.Sohn: Jakob Adam (1731-1801) war Bäcker u. Müller; er versuchte auch den Handel mit „Linnen“ (Leinentuch) und erwarb das Haus #4 von Jakob Seboth.

3.    Jakob’s  Sohn Andreas Josef Adam (1764-1840) erbt das Haus #4. Wie die Balkendatierung  AR ADAM  BH + 1794  zeigt, ist er Bauherr  des westlichen Anbaues; seine Familie hatte mehrere Kinder  zu versorgen.- Andreas J. Adam wurde 1800 Schullehrer in der ersten alten Schule (Haus #2), die schräg gegenüber am Kirchplatz stand.  A. J. Adam erfüllte auch Dienste als Küster, Organist sowie für das Glockenläuten, um die Familie zu ernähren.  

4.   Der Lehrersohn Ignaz August Adam (1797..1874) hatte durch seinen Vater besondere Bildung erfahren; nach Besuch der Lehrervorbereitungsschule in Heiligenstadt half er z.B. als Schulamtskandidat aus, spielte auch die Kirchenorgel. Letztlich sah er seine Zukunft jedoch in der Arbeit als Pferdebauer und gründete das über die nachfolgenden Generationen bestehende, weit bekannte Frachtfuhrgewerbe der Adam’s. - Breitenworbis war derzeit ein wichtiger Knoten an Fernhandelsstraßen, so dass Ferntransporte von Frachten (incl. des hier erzeugten Tuches) und Vorspanndienste im Bergland gefragt waren. - Ignaz A. hatte Margarethe Pfitzenreiter geheiratet; 9 Kinder wurden auf dem Hof geboren, 3 sind im Kindesalter verstorben. Die heranwachsenden Adam’s waren sicher frühzeitig in die Arbeit auf dem Hofe und auf Feldern einbezogen. Dafür spricht, dass die Mädchen wohlweisslich keine Landwirte, sondern Handwerker heirateten… und der 2.Sohn Zollbeamter wurde.

1837 wurde ihr Vater Ignaz A. in Nachfolge des Caspar Rosenthal als Schulze gewählt, was der preußische Amtmann v. Bültzingslöwen auf Lebenszeit bestätigte. In seine Amtszeit  fielen schwere Probleme, welche ihm Kraft, Wissen und Geschick abforderten: z.B. Verhandlungen zur Ablösung drückender Feudallasten der Bewohner, die Bewältigung der auch BrW. erfassenden Revolutionsunruhen um 1848 (verbunden mit dem Niedergang der Hausweberei und Verarmung vieler Dorfbewohner), der katastrophale Dorfbrand 1859 [3] oder die Separation der Feldflur 1867, welche eine effektivere Landbewirtschaftung ermöglichte.

In diese Periode fällt die Mitgestaltung der dörflichen Geschicke durch den 2 Jahrzehnte jüngeren Schöppen ‚Oekonom‘ Johannes Henkel (ff. Hof Henkel). Beide setzten im Streit mit Dechant König weitsichtig durch, dass der neue Friedhof an der Fernstraße als kommunal, d.h. nicht konfessionsgebunden im Jahr 1882 eingerichtet wurde. Bis dato bestattete Breitenworbis innerhalb der Kirchhofmauer.  [1]



1847 erbaute Ignaz A. „Vor dem Tore“ den o.g. (bis 2014 bestandenen) Bauernhof #173 in U-Form um das bestehende Ursprungshaus #4. Mit dem großen Wohnhaus (eingebaut war eine Toreinfahrt), Stallungen, Scheune und Wagenschuppen entstand ein Vierseit-Hof, auf dem bis zu 20 Pferde für Frachtfuhren gehalten wurden.               (Repro M.W.aus [2])

Bis zum Abbruch der am Kirchplatz stehenden alten Schule anno 1861 bog die Lange Gasse nach links in die Gertrauden-(Kirch-)Str. ein. In der Kurve befand sich die Einfahrt des alten Adam-Hauses #3. Dann erst konnte die Lange Gasse oben aufgeweitet und in die Berlin-Casseler Chaussee ('Große Rheinstraße') eingebunden werden.

Familie Adam wurde vermögend und einflussreich; ihr Ackerbesitz weitete sich durch Zukauf und Erbschaft aus. Allerdings beeinträchtigte die Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Halle-Cassel ab 1867 das bisher recht einträgliche Frachtfuhrgewerbe. Auch anderen Fuhrleuten blieb eine Umorientierung nicht erspart: Sie mussten sich mehr auf die arbeitsintensive Landwirtschaft konzentrieren.

Noch heute, 150 Jahre später, hört man die Meinung, Schulze Adam hätte den Bahnknotenpunkt in Breitenworbis verhindert, der dann nach Leinfelde kam. - Dem setzte schon [2, S. 53] entgegen: „ …Es ist nicht möglich, hier Wahrheit und Dichtung zu trennen… anzunehmen, dass die Bahnbaugesellschaft die Strecke wählte, die am wenigsten Geländeschwierigkeiten bereitete… Täler der Wipper und Leine maßgebend… “     Verständlicherweise wird Schulze Ignaz Adam das Bahnprojekt zumindest nicht großzügig unterstützt haben.

Eine bei der Restaurierung 2016 aufgefundene Urkunde berichtet über die Erneuerung des Fußbodens (1836)

5.    Der älteste Sohn Andreas Josef  Adam (1823- 1900) bewohnte nach Vaters Hof-Bau 1847 das alte Haus #4. Er lernte erst Metzger, wandte sich dann dem Bauernhof mit dem Fuhrgewerbe zu, musste sich jedoch dessen anhaltenden Niedergang anpassen. Seine Frau Elisabeth (geb. Walter, aus Bernterode) gebar 13 Kinder, drei sind früh verstorben, ein Kennzeichen dieser Zeiten. Die auf dem großen Bauernhof aufwachsenden Kinder mussten frühzeitig mitarbeiten.-  Nach dem Tod seines Vaters Ignaz A. wurde Andreas Adam ebenso ab 1875 als Schulze gewählt. Obwohl er nicht nur Freunde im Ort hatte, war er bis zu seinem Tode 25 Jahre erfolgreich im Amt.

Die Nachfolge im Amt des Schulzen verblieb eigenartigerweise oft in der Verwandtschaft: Nach K. J. Rudolph (+1917) folgte ab  ?1901 der Schwiegersohn von Andreas A., Großbauer Aloys Wand (1869..1935, verh. m. Anna Genovefa A.). Dieser? wurde 1933 ‚kommissarisch‘ kurzzeitig abgelöst durch Karl Raabe, der Paula Klara Adam (Tochter von A.J. Adam’s Bruder Heinrich A.) geheiratet hatte. (von... bis 1945: Bürgermeister Henkel.) >> Hinweise erbeten!

6.    Der jüngere Sohn, das 8. Kind von Andreas J. Adam, Albert Adam  (1867..1912) führte ab 1900 den großen Bauernhof mit seiner Frau Katharina weiter. Lukrative Ferntransporte waren seltener geworden; aber ab 1904 kamen Transportaufträge zum Bau des „Schachtes“ Bernterode, und die Großbrände von 1900 und 1905 zogen Baumaterialtransporte für den Wiederaufbau nach sich. Zudem konzentrierte sich der Hof auf die Landwirtschaft, welche jetzt durch erste Düngemittel vom Kaliwerk Bernterode die Erträge heben konnte.

Zu dieser Zeit war das Pferd noch als Traktionsmittel von größter Bedeutung. Erst nach 1922 revolutionierte der  Lanz-Bulldog  die deutsche Landwirtschaft.


Kesseltransport für das Kaliwerk Bernterode  / Fotograf unbekannt, vermutlich H .Heddergott.  Sammlung [5] /.

Dies Foto entstand auf der Reichsstraße 80 hinter dem Bahnübergang Wülfingerode > Bernterode. Es zeigt auch die erste 16-paarige Telefonleitung Worbis-Nordhausen, später durch Erdkabel ersetzt.

Anfuhr eines von insgesamt 12 Dampf-Doppelrohrkesseln für das Kraftwerk der Deutschen Kaliwerke AG. Sehr wahrscheinlich übernahmen die Fuhrleute diese riesige Fracht direkt beim Kesselbau in Halle oder Dessau und waren dazu mehrere Tage unterwegs. Der Gespannführer im Vordergrund könnte der Breitenworbiser Fuhrmann Albert Adam sein. Wenn das Foto real von 1912 ist, wäre er derzeit im 45.Lebensjahr.

Das Kesselhaus der Deutschen Kaliwerke AG Bernterode war bereits 1907 mit 10 Kesseln bestückt; die leistungsfähige E-Zentrale lieferte erste Elektroenergie in die Region, weit bevor die Überlandzentrale Südharz  'Strom' erzeugen konnte  [5].

7.    Nach dem frühen Tod von Albert A. (+1912) wird seine Witwe noch um 1935 als Hofbesitzerin genannt. Katharina stammte aus dem Dingelstädter Fuhrbetrieb Heddergott und war in der Betriebsführung erfahren. Ihr 1905 geborener Sohn Franz Georg Adam arbeitete dann als junger Bauer mit. Sie modernisierten den Hof: im über 12 m tiefen Brunnen war in den 30er Jahren bereits eine elektrische Kolbenpumpe (sog. „Wasserknecht“) installiert, sicher die erste im Ort. Eine Wasserleitung versorgte das Wohnhaus und die Selbst-Tränken in den Ställen für Pferde und Kühe, was Arbeit ersparte.

Ergiebige Hofbrunnen waren für die Bauerngehöfte mit ihrer derzeit integrierten Viehhaltung unverzichtbar. Doch hier in der Höhenlage des Dorfes gab es auch niedrige Wasserstände: in Trockenzeiten mussten die Fuhrleute Wasser für die Tiere aus dem Dorfteich heranfahren.

Mit dem Anwachsen des Geräteparks entstand eine weitere Scheune mit Unterstellschuppen 100 m westlich auf dem Platz des heutigen EDEKA-Marktes. MW-Dia vom Kirchturm ?1964

Dass der familientraditionell konservativ eingestellte Franz A. angeblich schon zu Weimarer Zeiten zum ‚Ortsbauernführer‘ gewählt wurde,  entsprach der Wertschätzung örtlicher Landwirte für seine Person und Vorfahren.

Regulär wurden Großbauern als Angehörige des "Reichsnährstandes" nicht zum Kriegsdienst eingezogen.

Eine althergebrachte Winterarbeit der Pferdebauern war das (hier an Steilhängen im Ohmgebirge mit großen Gefahren verbundene!) Holzrücken und -Abfahren. So verunglückte Franz Adam im Juni 1943 in einem abschüssigen Waldrevier tödlich.

Er hinterließ seine Frau Katharina und den Sohn Lothar A. (*1940), der später einen technischen Berufsweg einschlug. Somit war Franz Adam  der letzte Bauer in der Familientradition  vom Hof  Kasseler Str. 7, den zunächst seine Witwe notgedrungen weiterführte. /ff./

 * * *

Bevor die Geschichte des Adam-Gehöftes bei der Kirche zu Ende geführt wird, zunächst der Verweis auf weitere „Adam“-Höfe, die von Nachfahren des ersten Bauern der Sippe, Ignaz A. Adam (1797..1874, Schulze in BrW.) ‚ausgründet‘ wurden und noch heute für Wohnzwecke genutzt sind:

Ableger: weitere Adam-Bauernhöfe in Breitenworbis

a)      Das 'Gut' Adam – der ehemalige Junkerhof

Der sog. Junkerhof erstreckte sich ursprünglich auf eine große Fläche im östlichen Dorfsegment. Zugehörig waren große Ackerflächen und Gerechtigkeiten. Besitzer waren über Jahrhunderte Junker des alten Adelsgeschlechts von Bültzingslöwen (Stammsitz: Harburg), die von 1381 bis 1574 Amtmänner der Mainzer Kurfürsten und zur Zeit der Burgzerstörung im Bauernkrieg schon auf 3 Rittergütern in Haynrode ansässig waren; alle Linien sind bis 1874 ausgestorben. Der Breitenworbiser Gutshof war jedoch schon zwischen 1733 und 1754 an die Adeligen von Hagen (Vorderhof Deuna) gekommen. 1859 erfasste der Jahrhundertbrand auch das große Gutshaus; es wurde danach kleiner und bescheidener wieder aufgebaut.

Alle adeligen Besitzer erzielten Einnahmen durch Pachtzins, für den der jeweilige Pächter das Gut mit wirtschaftlichem Erfolg  betreiben musste. Als die letzten Pächter nicht mehr mit Gewinn arbeiteten, blieb den Adeligen nur der Verkauf an Bauern und Bürgerliche: Kirch- und Breitenworbiser erwarben zerstückelte Ländereien.

Vom eigentlichen Gutshof war zuvor das Areal ab Gutshaus bis zur Haynröder Straße für den Bau vom „Thüringer Hof“ (Fam. Hebestreit) abgetrennt worden. Den größeren Gutsbereich mit Gebäuden und verbliebenen landwirtschaftlichen Restflächen erwarben nacheinander mehrere, teils nur kurzfristige Besitzer. Letztlich permanenter Besitzer wurde August Adam sen. (1855-1935), der Sohn des wohlhabenden Batterschen Schulzen und Großbauern Andreas Adam (sh. 5). Er dürfte ab etwa 1880 mit den verbliebenen Ländereien Landwirtschaft betrieben haben und war mit anfallenden Frachtfuhren unterwegs.

Innerhalb der Gutsmauer lag fruchtbares Gartenland mit einem Fischteich. Die Ost-Mauer lässt noch heute einen Torbogen erkennen; an dessen ehemaligem Zufahrts-/Reitweg kamen angeblich spät-mittelalterliche Bodenfunde zu Tage.

Auf der südlich der Gutsmauer liegenden Gartenfläche des Junkerhofs entstand 1906 das Krankenhaus "St. Josef".

Frachtwagen von August A., der 1927 zur 1000-Jahrfeier von Nordhausen ehrenhalber eingeladen war.

 Torbogen in der östlichen Gutsmauer

 August Adam (sen.) vererbte das Gut seinen Söhnen August Adam (jun.) *1900, Bauer  und Benno  Adam *1906, Tischler. Zwei weitere Söhne waren Otto A. (Klempner) und Bruno A. (Bäcker in Bernterode). 

Die beiden Guts-Brüder sind noch als fleißige, kenntnisreiche Männer in Erinnerung, fristeten aber als 'Gutsbesitzer' durch den Lauf dieser Zeiten ein bescheidenes Dasein. Benno nutzte den kleineren westlichen Bereich mit dem altem Gutshaus, das auch Mietsleute beherbergte; August die größere östliche Fläche mit einem niedrigen Wohnhaus (offenbar das ehemalige Gesindehaus des Junkerhofes) und nutzte Nebengebäude sowie große Gartenfläche landwirtschaftlich. Den 2. Weltkrieg hatten beide als schon ältere Einberufene zwar verletzt, aber glimpflich überstanden. Mit technischer Versiertheit betrieb August bis in die LPG-Aera ein Lohnunternehmen mit Dreschmaschine, Schrotmühle sowie einer Reinigungs- und Beizmaschine für Saatgetreide.


 

Benno Adam’s Gutshaus, erbaut nach 1859, abgebrochen nach 1990. 

Nebengebäude mit Maschinen von August A.  
Fotos: Sammlung Dr. A. Kraska

 Etwa 1959 mietete Schlossermeister Benno Kohl im Nebengebäude seine erste Werkstatt ein, und in den letzten Jahrzehnten kamen Schaustellerfamilien in den Besitz des östlichen Areals. Das westlich stehende baufällige Gutshaus ist jetzt durch einen ähnlich großen Wohnhaus-Neubau ersetzt.


b)      Bauernhof Adam  Jägerstrasse

Der jüngste Sohn (8. Kind) von Stammvater (4) Ignaz A. war Heinrich F. Bonifaz Adam (1837..1912), der dem ehrenwerten Bauernstand treu blieb. Sicher mit Unterstützung von Vater Ignaz erwarb er das  Grundstück # 187 (Gehren/ Jägerstraße) und richtete seinen eigenen Bauernhof ein. Erbe wurde sein Sohn Hermann Adam (1887-1971), der seine 9-köpfige Familie durch Landwirtschaft ernährte.

Dessen Söhne Heinz und Karl Adam verblieben zwar in der Landwirtschaft, jedoch nicht auf Vaters Hof: Heinz A. heiratete in den größeren Hof von Karl Wand „Am Bache“ ein (Marga), wo die größte Dreschmaschine des Ortes stand. Er stieg auf LPG-Maschinen um, als die private Landwirtschaft Ende der 50er Jahre mit der LPG-Ära zu Ende ging und Maschinisten für  Traktoren und größere Geräte gefragt waren. Karl wurde mit dem Bau großer Ställe Fachmann in der Milchviehanlage. Auf den Höfen hielt man nur noch für den Eigenbedarf wenige Tiere. Das Anwesens Jägerstraße, dann zu Wohnzwecken genutzt, übernahm der jüngste Sohn Günter Adam (1941-1993).

Durch einige Nachfahren aus dieser Linie hat der Breitenworbiser Familienname Adam  Bestand. 

c)      Bauernhof Hugo Adam   am Ortsausgang West / Ecke Zur Osterkuppe.

Der Hof ist noch heute durch seine ab den 30er Jahren zur Erntezeit laufende Dreschmaschine bekannt. Erbauer war der im Bauernhof Jägerstraße (b) geborene Hugo Adam (1879-1965), ältester Sohn von  Heinrich Bonifaz A. Er erwarb Ländereien, die eine bäuerliche Existenz ermöglichten. Sein Sohn gleichen Namens (*1911) verblieb nicht im Ort.

Mit Alterseintritt von Hugo Adam wurde der Hof zunächst zur LPG-Tierhaltung weiter genutzt; die Nebengebäude waren nachfolgend abgewirtschaftet bzw. durch einen Brand zerstört. Hugos Tochter Paula A. verw. Henning und Tochter Annemarie wohnten zuletzt im Adam-Haus, das nach ihrem Tode zum ansehnlichen Wohnbau ab 2019 modernisiert wurde.

*

Außer den 3 genannten Dreschmaschinen liefen zu Zeiten der sog. Handtuchfelder zur Selbstversorgung noch 2 weitere: im Bauernhof Willi Wiederhold (‚Lindenhof’ am Teich) und Hof Alfred Hillmann (Nordhäuser Str.)

* * *

Zurück zum Stammbauernhof Adam: Sobald die kinderreichen Adam-Generationen im großzügigen Bauernhaus #173 von 1847 ausreichend Unterkunft hatten, konnte das alte Haus #4 an sog. Hintersättler vermietet werden. Diese standen somit dem Hofe auch als Arbeitskräfte zur Verfügung.

Zu landwirtschaftlichen Spitzenzeiten (Hacken, Verziehen, Ernte… Drusch) holten größere Pferdebauern  zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Dorf als „Tagelöhner“ oder im Gegenzug zu den von ihnen für „kleine Leute“ mit Handtuchfeldern geleisteten Acker- und Fuhrdiensten. Diese Praxis setzte sich im Dorf bis zur LPG-Ära unter DDR-Bedingungen fort.

Der Adam-Stammhof #173 und Haus #4 unter DDR-Bedingungen

Nach dem Krieg hatten die ostzonalen Bauern einen schweren Stand: hohes Abgabensoll, veraltete Maschinenausrüstung, knappe Zuteilung von Düngemitteln und Saatgut usw. Ende der 1950 Jahre betrieb der SED-diktierte 'Arbeiter-und-Bauern-Staat' die  Kollektivierung der Landwirtschaft (Zwangsgründung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften: LPG ). Damit endete auch in Br.W. die Existenz ehemals großer ‚Einzelbauern‘.

Der Adam-Stammhof an der Kirche war nach dem Unfalltod von Franz 1943 durch Wwe. Katharina fortgeführt worden; sie heiratete nach dem Krieg den Landwirt Hugo Löffler. Den Hof rentabel weiterzuführen, war ihnen jedoch durch hohes Abgaben-Soll, Erbforderungen und DDR-Willkür /s.u./ sehr erschwert. Katharina verstarb 1954, so daß Hugo L. sich weiter abmühte, Hof und Äcker in bisher vorbildlicher landwirtschaftlicher Ordnung zu halten.

Probleme setzte die sich gegen die Bundesrepublik abgrenzende DDR mit ihrer 'sozialistischen' SED-Ideologie: anteiliger Hoferbe war der in der Bundesrepublik lebende Bruder von Franz.  So griff Anfang der 50er Jahre die DDR-Willkür mit staatlicher Verfügung über derartiges "Westeigentum". Kenner der Adam-Familie berichten, daß Schikanen und Beschränkungen im Grundstück  letztlich den bewirtschaftenden Bauern Hugo L. und den Erben Lothar A. zum Verlassen des Hofes bewogen.  Letzterer ergriff nach dem Abitur einen technischen Beruf.

Etwa 1954 hatte die SED-geführte Gemeindeverwaltung die zuvor aus dem Eichsfelder Grenzgebiet durch die StaSi-Aktion “Ungeziefer“ ausgesiedelte Bauernfamilie W. im Hof Adam eingewiesen. Herr W. unterhielt dort zunächst ein Pferdegespann als privater Landwirt, wurde jedoch bald Traktorist bei der neu gegründeten LPG. Diese betrieb ab Ende der 50er Jahre auf dem Hof Schweinemast und richtete im Wohnhaus Büros ein. Hausrechte und Wohnbedingungen wurden erheblich eingeschränkt; man berichtet über baldige Verwahrlosung des einstigen Musterhofes.  

Nachdem die LPG durch Neubauten den heruntergewirtschafteten Adam-Hof nicht mehr benötigte, kam er in Mitte der 1970-er Jahre in den Besitz von Familie F. Reinhardt. Diese konnte den weiteren Zerfall der Immobilie jedoch nicht aufhalten. Nach längerem Leerstand und Zerfall zum Schandfleck im Ortzentrum erfolge 2014 der erwähnte Abbruch.

Das Ursprungshaus #4 südlich im Hof war nach 1945 durch mehre Vertriebene bewohnt, ohne dass Sanierungsarbeiten erfolgten. Nachdem der langjährige Bewohner A. Münchhoff, Gemeindearbeiter, verstorben war, stand das uralte Haus über Jahrzehnte unbewohnt und zerfiel zusehends.

Veränderungen nach der "Wende" und Wiedervereinigung

1991: Haus # 4 wurde unter Denkmalschutz gestellt.  Baldiger Leerstand des Bauernhofs #173  und Zerfall.

2014: Abbruch des Hofes #173   >   2016: Einweihung des Parkplatzes

 







2016:  Beginn der denkmalgerechten Rekonstruktion / Sanierung  Haus #4  durch Frau Angelika Dietrich & ihren Schwager, den fleißigen und versierten Baufachmann  Roland Wieg:



Juli 2018:  Angelika D. eröffnet ihr Cafe' "Hexenhäus'chen" im  Baudenkmal

















Mach es wie die Sonnenuhr :

zähl die  frohen  Stunden nur !

 Quellenangabe:

[1] Philipp Knieb, Eichsfelder Dorfchroniken / Herausgeber: Pinkert, Montag, Sieland / Eichsfeld Verlag 2001

[2] Karl Hartung, Sippenbuch Adam, Castrop-Rauxel 1937; für Foto-Copyright danke ich Herrn M. Hartung, Ahrensburg

[3] Werner Fischer, Auflistung v. 16.01.2012: „Breitenworbis, Familiennamen“

    Ihm danke ich auch für freundliche Auskünfte aus seinen Dateien, Breitenworbiser Kirchenbücher betreffend.

[4] M. Winter, Großbrände in BrW. (s.o.)

[5] M. Winter, Kaliwerk & Heeresmunitionsanstalt (Nachforschung / Vorträge)

[6] Dank an Dr. Andreas Kraska für 2 Fotos vom alten Gut.


 

Historische Gehöfte in Breitenworbis

Zur Geschichte markanter Grundstücke und ihrer Bewohner

Manfred Winter

2. Der Henkel-Hof


Satellitenbild, bearb. M.W. Quelle: Google Earth, Zugriff v. 07.03.2021   betrifft: gelber Pin > Am Anger #110/111

Ältere Einwohner von Breitenworbis bezeichnen das Grundstück Am Anger  Nr. 3 noch als 'Henkelhof '.

Mit Haus Nr.1 besteht ein geschichtlicher Zusammenhang; diese Häuser trugen ab 1773 die fortlaufend vergebenen Hausnummern 111 bzw.110, bis im Jahr 1908 die straßenweise Nummerierung erfolgte.

Der gekennzeichnete Standort des ehemaligen Petri- & Henkel-Besitzes, etwa 100 m nördlich der Kirche, dürfte im Siedlungskern von Breitenworbis liegen. Hier an der Tiefstelle zwischen Anger- und “Braugasse“ (Friedrich-Str.) hatte sich der Rhin-Bach einen Lauf in Richtung Osten zur Wipper gebahnt – und wo lebensnotwendiges Wasser lief, wurde in Vorzeiten vorzugsweise gesiedelt. Auf dem gegenüber liegenden, ehemals großen Anwesen #15 soll das älteste Gebäude von Breitenworbis gestanden haben (Stellmacherei Holbein, 1900 abgebrannt ff.) [2] S.30.

Dem Henkel-Hof benachbart befinden sich weitere große Bauerngrundstücke, wie der „Winkelhof“, der Bauernhof A. Wand (ehem. #117) und am heutigen Karl-Theder-Platz stand der Hof von Karl-Theodor Wand.

Die folgenden Fotos vom Anger zeigen Veränderungen im Laufe von 8 Jahrzehnten.

 






um 1935:  Ecke Lange Str. / Angergasse                         (Sammlung Dr. Georg Henkel)

v.l.: Bäckerei Loffing (Neuaufbau n. Brandkatastrophe 1905)  > Haus #110  > Haus #111 > Gretchen’s Kate, 18.Jh.

Die Situation 2020 Am Anger:                 (Fotos: M. Winter) 

 

Die  Häuser # 110 / # 111 v. West      


# 111 Der „Henkel ’sche Hof“  v. Ost

 Einst gehörten beide Grundstücke eigentümerseitig zusammen [2].

Das um 2020 renovierte linke Gebäude steht auf dem verbliebenen Teil vom ehemals größeren Grundstück #110, wie ff. beschrieben wird. 

Zuwanderung des Namens  Henkel   in Breitenworbis

In Breitenworbiser Pfarrakten [4] finden sich zuerst nur ähnlich klingende Namen:

1542 Hankel / 1548 Henckelmann / 1699 Hankel / 1610 Henckell; für die Folgejahre keine weitere Erwähnung ähnlicher Namen.

von 1751..1900 (vermutlich) Zuzüge:

1751..1800:   2 x Henkel aus Gernrode / 1 x Henkel aus Bernterode      

1801..1850    Henkel aus Gernrode

1851.. 1900   Henkel aus Breitenholz (1852-1894) >>  dies führt zum Thema: 1852 heiratet Johannes Henkel in Breitenworbis ein /ff./.  

 Besitzer der Grundstücke Am Anger #110 / #111   [2] S.29   

1710: Anton Geburtski > Salomon Winter (+1785) > Andreas Winter > auch ein Rosenthal wird genannt > Besitzer Petri  (*1768 +1836) [2] [3]

Der zu Zeiten florierender Hausweberei als umtriebiger Webtuch-Händler gut situierte Johannes Franz Petri  besaß zunächst die Häuser #15 (Hinterstr.) und # 76, oben an der „Sottel“ (Oststr.). Als Tuchhändler war er mit Pferd und Planenwagen beweglich, um Erzeugnisse von zahlreichen Hauswebern in BrW. u. Umgebung auf- bzw. zu verkaufen. Abnehmer fanden sich in Bremen, Hildesheim, Leipzig, Straßburg [2]. Derzeit standen Schafhaltung > Flachsanbau und manuelle Woll- / Leinenweberei sowie der Tuchhandel noch in Blüte, bevor die Industrialisierung die dann nicht mehr konkurrenzfähigen Eichsfelder ins Elend führte.

Franz Petri tauschte sein Haus #76 mit Andreas Winter gegen das Haus #111 am Anger und erwarb das links angrenzende Grundstück #110, um seine #111 im Neuaufbau zu vergrößern, was sicher vor seinem Tod (1836) vollendet wurde. Beeindruckend ist das mansardenförmig abgestufte Walmdach, wie dies in BrW. kein anderes Haus besitzt. Das noch heute im Obergeschoß sichtbare Fachwerk der Straßenfront ist durch lange, naturwüchsig geschwungene Fußbalken gekennzeichnet und besitzt das Merkmal vertikaler Zierhölzer in einigen Fächern. Dieses neue Haus #111 überbaute demzufolge eine Teilfläche von Grundstück #110. So verschmälert, hatte es nur noch einen Flurdurchgang zum Hof.

Franz Petri   heiratete nach dem Tod seiner ersten Frau die junge Anna Katharina Adam, Tochter vom Schullehrer Andreas J. Adam (1764..1840; sh. vorstehenden Aufsatz ‚Adam‘). 1829 wurde ihre Tochter Maria Anna Petri geboren.

Petri-Haus Nr. 111 wird „Henkel’scher Hof“

Petri’s Tochter Maria Anna schloss 1852 mit Johannes Henkel aus Breitenholz (1822..1898) die Ehe. Johannes H. kam aus der Familie des vermögenden Handelsmannes Georg Ph. Henkel, der für seine Söhne bereits in Breitenholz Häuser bereithielt.





Dieses seinem Sohn Johannes zugedachte Haus südlich der dortigen Kirche ging dann an neue Besitzer, weil Joh. Henkel zu Anna Maria Petri nach Breitenworbis zog, zunächst wohl in die #111.

In Breitenworbis hatte 1859 das ‚Jahrhundertfeuer‘ vom Rhinlauf 'Am Bache ' in Richtung Osten über die eng bebaute Gasse 'Auf dem Eichsfelde ' zur  'Sottel'   hin 109 Gehöfte eingeäschert und über 600 Breitenworbiser obdachlos gemacht [5]. Auf einer dieser Brandstätten erbaute Johannes Henkel zunächst seine Häuser # 62 / #63 ('Auf dem Eichsfelde' - heutige Wilhelmstraße Nr. 9 a/b ), wie eine vom Autor aufgefundene Handschrift des Johannes Henkel v. 1887 belegt [8].  

 Quelle: Sammlung Dr. Georg Henkel  

  Repro v. M. Winter [8]

  Breitenworbis, Wilhelmstr. 9 um 1935 (alte #62/63); um 1860 von Johannes Henkel erbaut.

Über Johannes H. findet sich in [3]: „…Außer seiner landwirtschaftlichen und ehrenamtlichen Tätigkeit führte er noch ein Ladengeschäft in Kolonialwaren und Spirituosen…“ Dies dürfte die Wilhelmstr. 9 betreffen. Diese Häuser #62/63 verkaufte Johannes H. etwa 1887 an den Bauunternehmer Becker, sie kamen 1920 in Besitz von Malermeister Rödiger, dessen Nachfahren bis in die 1960er Jahre dort wohnten.

Familie Johannes Henkel bewohnte dann das neu erbaute Haus #111 vom Schwiegervater Franz Petri. Das große Gehöft Am Anger  nannten die Batterschen fortan den „Henkel’schen Hof“.

 Johannes Henkel bekleidete mehrere Ehrenämter: Einnehmer, Schöppe, Schiedsmann, Rendant – lehnte aber die „Schulzenwahl“ ab. 1859 wird der 37jährige Johannes Henkel im „Hülfskomitee“ gleich nach Dechant König und Schulze (Ignaz) Adam als „Henkel, Oekonom“ genannt [2] .

Dies zeugt von einer erworbenen angesehenen Stellung innerhalb der ‘Dorfaristokratie‘ von BrW., das um 1895 auf 2.384 Personen anwuchs >[1] S.93< und derzeit als größtes Dorf im Eichsfeld galt, nachdem es - vielfachen Repressalien des 30jährigen Krieges zufolge - anno 1656 nur noch 383 Einwohner zählte >Wolf, in [1]< .

  Die Familie Johannes Henkel

Für Johannes H. und seine Frau Maria Anna geb. Petri (1829-1906 / Enkelin des Lehrers Andreas J. Adam) verzeichnet das Breitenworbiser Pfarrei-Register 12 Geburten, darunter mehrfach die zeittypische Kindersterblichkeit.

(1)      Tochter  Anna Katharina H. (*1853), Kandidatin der Hildesheimer Ursulinen; sie wurde mit nur 20 Lebensjahren in BrW. beerdigt.

(2)    Sohn     Anton Norbert H. (*1855)           > Landwirt      ff. >>

(3)    Sohn     Franz August H.  (1857-1883)     > Tierarzt in Brw.

(4)    Tochter Maria Klara Elisabeth H., verh. Hartung >  Halberstadt.

(5)   Sohn    Georg Wilhelm H.  (1861-1934)  > wirkte als Lehrer u. Chorleiter in Bad Orb, er wurde als Komponist zumeist kirchenmusikalischer Werke bekannt [6].       . . .

(12) Sohn      Johannes Josef  H. (*1872-1911) > Goldschmied in Bad Lauterberg > Hannover.

Familie Anton Norbert Henkel, Landwirt

Angaben in [3] zufolge besaß Vater Johannes ca. 100 Morgen [ca. 25 ha] Ackerfläche, die er später zum Großteil seinem ältesten Sohn Anton Norbert H. verpachtete (!). Dieser war seit 1882 mit Maria Wand (*1862 in BrW.) verheiratet. Noch in BrW. geboren sind ihre Kinder: 

(1)    Franz August H. (1885..1887)      

(2)    Georg Wilhelm H. (*1886-1946)

(3)    Maria Anna H. (1888..1943), 1909 in Schlesien verh. Bremerkamp > Lübeck

(4)    August M. H. (1889..1941), ff. Landwirt in Söhren/Holstein

(5)    Georg Ivo H.  (1891..94)

(6)    Maria Theresia H. (1893..1987), 1911 verh. Gode > Lübeck [3] .

 

Der Breitenworbiser Henkel-Zweig gibt den „Henkelhof“ auf

Als ‚Besitzer‘ des Hofes seit 1897/98 wird Anton Henkel genannt [2], d.h. er war nicht Eigentümer.

Nach dem Tod des Hofeigentümers ‚Oekonom‘ Johannes H. (1898) wurde der  Henkel’sche Hoftrotz einer nicht aussichtslosen Perspektive für ein weiteres Betreiben des landwirtschaftlichen Anwesens mit großen Ackerflächen /ff./ aufgegeben und zu 2 Teilen an Handwerker verkauft:

1900 wird als neuer Besitzer des Haupthauses #111 Tischler August Bötticher genannt.

1906 ist auch das Nebenhaus #110 an den Unternehmer Johannes Müller V. verkauft.

*

< Grabmal von Johannes Henkel um 1935 in Breitenworbis; seine Angehörigen waren abgewandert.

Hausmutter Anna H. war bereits kurz nach dem Tod von Johannes zu ihrer Tochter Maria K.E. Hartung nach Halberstadt gezogen. Sohn Anton H. wanderte mit seiner Familie aus. Wahrscheinlich warteten sie den Schulabschluss der Kinder ab, so dass 1906 in Frage kommt. Derzeit sollen die Töchter Marianne (18 J.) und Maria (14 J.) bereits in Schlesien (durch Wanderarbeit?) Fuß gefasst haben: erstes Ziel der Landwirtsfamilie Anton Henkel.

         Tochter Maria K. E. Hartung geb. Henkel 

Mutter Maria Anna Henkel geb. Petri, Enkelin des Schullehrers Andreas Adam

Maria Hartung's  Ehemann, der Lehrer W. J. Hartung, stammte aus Steinbach / E.  und war als Schuldirektor mit Familie in Halberstadt sesshaft geworden. Witwe Anna Henkel verstarb dort im Alter von 78 Jahren.

*

Nach alter Tradition hätte dem ältesten Sohn Anton H. der Eintritt in das Hoferbe zugestanden, zumal er auch als  Landwirt in die Fußtapfen vom Vater getreten war.

Aktenkundiges zu Beweggründen für Verkauf der Immobilien und zum Zeitpunkt seiner Abwanderung ist nicht verfügbar. Ein seltsamer Vorgang! ... Sucht man die Ursache in derzeit allgemeinen Lebensbedingungen der Eichsfelder, so ergibt sich für Bauern mit größerem Hof- und Landbesitz kaum ein plausibler Grund, die Heimat zu verlassen. Dazu eine Analyse derzeitiger Verhältnisse:

Soziologische Bedingungen der Eichsfelder, speziell der Breitenworbiser um 1900

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. hatte sich die  über viele Jahrzehnte auskömmliche Situation im bis 1802 zum Kurfürstentum Mainz gehörenden Eichsfeld extrem zu Ungunsten vieler Bewohner, zum großen Teil der Hausweber (die zumeist auch auf Kleinstflächen Lebensnotwendiges anbauten), verändert. [Einen Eindruck von der durch Erbeteilungen in ‚Handtuchfelder‘ zersplitterten Feldflur vermittelt unser Titelfoto von 1959 ! ] 

a)  Fortschritte des auf der Dampfmaschine beruhenden Maschinenzeitalters und der Industrialisierung mit Erzeugung billiger Massenware (auf Basis von Baumwolle kolonialer Herkunft) verursachten in kurzer Zeit  den Niedergang der in BrW. verbreiteten manuellen Haus-Spinnerei und -Weberei, verbunden mit der landwirtschaftlichen Erzeugung von Wolle oder Flachs (Leinenfasern). Auch betuchte Händler gerieten in Existenznöte.

b)  In BrW. vernichteten Brandkatastrophen 1859 und 1900 zwei Dorfsegmente mit vielen Webstühlen [5].

c)  Im Gros der landarmen Bevölkerung griffen Armut und Hunger um sich: bald wurde das Eichsfeld als eines der Armenhäuser von Preußen bezeichnet. Der preußischen Administration gelang es nicht, hier industriellen Fortschritt anzusiedeln, und die Eichsfelder selbst verfügten nicht über das erforderliche Kleingeld.

So blieb vielen bodenständig veranlagten Eichsfeldern nur die Umorientierung auf anderen Broterwerb: Wanderarbeit von Bauhandwerker-Kolonnen, Reffhändler, Saisonarbeit als Tagelöhner z.B. auf großen landwirtschaftlichen Gütern in der Fremde (Rübenkampagne / Zuckerfabriken) oder auch Wandermusikanten. Zudem fanden junge Eichsfelderinnen „Stellung“ bei begüterten Leuten als geschätzte Haushälterin: fleißiges Kochen, Putzen, Nähen hatten sie von der Mutter gelernt. Was wundert es, wenn Eichsfelder Mädels dann in der Fremde ihre Liebe fanden und blieben…wie auch die der Henkel-Familie. - Vielfach war die Auswanderung in aufblühende Industriezentren ein schmerzlicher Ausweg - nicht wenige Eichsfelder suchten ihr Glück auch auf Übersee /sh. Auswanderermuseum Bremerhaven/.

Unter diesen Zeitbedingungen war die Einwohnerzahl in BrW. von 2.383 (anno 1895) binnen 5 Jahren auf 1.970 Ortsanwesende gesunken. Nur über Winter verbrachten die meisten Wanderarbeiter in der Heimat, wo das erworbene Gut und Geld die Not linderte. An Reisetagen riefen die Zugschaffner: „Eichsfelder mit Kisten und Kasten hinten einsteigen!“ – heute noch ein geflügeltes Wort.

d)  Diesen allgemeinen Zwängen unterlagen auch Herangewachsene aus kinderreichen Bauernfamilien. Traditionell suchten einige in Klöstern ihre Zukunft; andere fanden in Städten feste Arbeit und bürgerlichen Aufstieg in qualifizierten Berufen, wofür die hiesige Dorfschulbildung wirksam wurde.

Vorrang als Hoferbe hatte nach ungeschriebenem Gesetz der älteste Sohn.

e)   Lage der Fuhrleute und größeren Bauernhöfe

Einige Frachtfuhrleute betraf zwar die Reduzierung des einträglichen Gewerbes durch die 1867 eröffnete Bahnlinie Halle-Kassel, doch war ihnen ein Ausgleich durch fleißige Konzentration auf die eigentliche Landwirtschaft möglich. Die Erzeugung primärer Lebensmittel wie Getreide, Kartoffeln, Gemüse sowie ihre ‚Veredelung‘ durch Tierhaltung und Hausschlachtung zu berühmten Eichsfelder Wurstwaren sicherte den Eigenbedarf - und durch Marktverkauf noch immer ein auskömmliches Überleben.

Für Einzelbauern mit größerem Besitz an Acker- und Weideflächen bestanden gute Überlebenschancen, wie 3 alte Bauernhöfe allein dort am „Anger“ und auch die 4 Höfe der Sippe Adam (trotz des ‚abgewickelten‘ Fuhrgewerbes) sowie Hof-Neugründungen beweisen.

Bald erzeugte der aufstrebende Maschinenbau auch Ackergeräte und Maschinen, welche schwere Handarbeit ablösten und Arbeitszeit freisetzten, so dass Pferdebauern auch die in viele „Handtuchflächen“ erbe-teilig aufgesplitterten Felder ‚kleiner‘ Leute bearbeiteten und dafür vorteilhaft Hilfeleistungen bei Feldarbeiten im Jahreslauf einfordern konnten (wie Hacken, Rübenverziehen, Erntehilfe, Drusch...). Zudem hatte die 1867 durchgeführte Separation der Feldflur zu günstigeren Flächen geführt und bald konnte die Bodenfruchtbarkeit ausgemergelter Äcker nach Erforschung künstlicher Düngemittel sowie z.B. Gründung zahlreicher Kaliwerke um die Jahrhundertwende gehoben werden. In dieser Zeit großer Nöte in Breitenworbis klammerten sich viele Hoffnungen an den 1905 in Teufe befindlichen Kalischacht „Preußen“ der Deutschen Kaliwerke AG. Das Bernteröder Werk lieferte ab 1906 Kalidünger; ab 1911 Teufe der 2.Schachtröhre “Sachsen“. Neue Erwerbsmöglichkeiten beflügelten Hoffnungen, Bautätigkeit und Zuzüge im Ort.

*

Resümee: Für Pferdebauern mit größerem Grundbesitz ist also Anfang des Jahrhunderts kaum ein Anlass für Hofauflassung und Abwanderung zu erkennen. Auch der Henkel’sche Bauernhof stand nicht in Perspektivlosigkeit - und landwirtschaftliches Interesse des Bauernsohnes Anton Henkel verblieb weiterhin, denn er bewirtschaftete um 1929 wieder einen Bauernhof in Holstein /ff/.

So kommen für Hof-Verkauf und Abwanderung primär  familiäre Gründe und persönliche Bedrängnisse in Betracht.

> Das Anwesen Am Anger war anno 1900 durch das genannte Großfeuer zwischen Anger und Kirchstraße bedroht, sowie 1905 durch das Brandinferno ‚Am Bache‘ direkt tangiert /sh. Aufsatz „Großbrände“/. Angebrannte Balken in später zurückgebauten Nebengebäude belegten dies. So mussten nach 1905 zumindest Nebengebäude rekonstruiert werden: finanzielle Lasten.

 > Offenbar entschied die Erbengemeinschaft den Verkauf des Hofes. Wie [3] andeutet, war es Vater Johannes H. nicht gelungen, finanziell vermögend zu bleiben; schon der Sohn Anton mußte ihm Landpacht zahlen. Jetzt war vordringlich der Lebensabend der nach HBS verzogenen Mutter abzusichern. So hätte Landwirt Anton H. nur mit erheblichen Kreditaufnahmen zur Auszahlung der Miterben Eigentümer des großen bäuerlichen Anwesens werden können. Dagegen bekam er aus dem Verkaufserlös seinen Erbanteil auf die Hand.

Abwanderung von Anton Henkel

Evtl. ermunterte ihn  zudem die erfolgreiche Situation von in Holstein lebenden Verwandten, auch das Eichsfeld zu verlassen: Sein Onkel Franz Henkel, einst begüterter Handelsmann in Breitenholz, war anno 1869 nach Lübeck abgewandert, nachdem er sein durch die 1867 anlaufende Bahnlinie Halle-Kassel niedergehendes Frachtfuhrgeschäft aufgab. Dessen Sohn Adolph H. hinterließ als erfolgreicher Kaufmann in Lübeck 1905 ein großes Vermögen /[3], S.10/. Möglich also, dass der Erfolg dieses Cousins den Breitenworbiser Landwirt Anton H. zur Suche nach besserer Zukunft inspirierte.

Kaum vorstellbar ist, dass Anton H. als eingefleischter Bauer von kaum 50 Jahren seine Pferde verlässt, die Tür vom verkauften Hof zuwirft, mit seiner Frau, zwei Söhnen und wenig Handgepäck in die Eisenbahn Richtung Osten klettert, um sein Glück zu suchen: vermutlich wird er mit Pferden und Planenwagen abgereist sein, um Wertvolles aus dem Haus mitzuführen, wie auch Eichsfelder Feldgieker. Eigene Mobilität als beste Voraussetzung für Suche und Neubeginn: anno 1906 waren noch immer vierbeinige Pferdestärken gefragt; der 100-PS-Lastkraftwagen oder gar das Wohnmobil harrten noch lange der Entwicklung…

Zunächst landeten unsere Henkel‘s in Schlesien bei den Töchtern. In Goldberg heiratete Tochter Marianne 1909 den Kaufmann Bremerkamp aus Lübeck, wohin auch Anton H. mit den übrigen Angehörigen zog. Maria Theresia gründete dort mit Bäckermeister Gode eine Familie [3] .

Anton Henkel betrieb [7] zufolge zuerst eine Gastwirtschaft bei Lübeck, gesagt wird: bei einem Schiffsanleger in St. Hubertus. Dann eine Gastwirtschaft in Söhren bei Segeberg, wo er 1929 als Landwirt erwähnt wird. Er hatte einen Hof gekauft: kleiner als sein ehemaliger „Henkel-Hof“ in BrW. Nachfahren wissen, dass viel Geld vom Verkauf des Breitenworbiser Hofes bis 1923 in der Inflation verloren ging.

In Söhren war auch Anton’s Sohn August Henkel seit 1921 verheiratet, ebenso als Landwirt tätig. Dessen einzige Tochter Helene verh. Baarke hatte auch nur eine Tochter, die mit Ihrem Mann lange Jahre einen Landmaschinenhandel betrieb. Derselbe und der Hof wurden vor einiger Zeit verkauft.

1945 kam in der Gastwirtschaft von Anton & August Henkel zu Söhren die aus Benau /Schlesien vertriebene Familie von „Elise“ geb. Henkel notdürftig unter; sie war Enkelin des im „Henkel-Hof“ BrW. geborenen Goldschmieds Josef Henkel (s.o. 12).

Zum Fortbestand des Namens „Henkel“ aus der Linie Breitenholz-Breitenworbis

  • Im Ursprungsort Breitenworbis ist nach Johannes H. (+1898) und der Abwanderung von Familie Anton H. kein weiterer Nachfahre vom ‚Henkelhof ‘ zu erkennen.  Bei den im Ort noch ansässigen Henkel  wird sich die Herkunft aus der o.g. Aufstellung ableiten.    

  • Im  Raum Lübeck (Söhren) erlosch nach dem Ableben des Breitenworbiser Auswanderers Anton Henkel (+1935) und seiner Söhne August (+1941) u. Georg (+1946) der Name dieses Eichsfelder Henkel-Zweiges.

  • In Hessen dagegen Fortbestand: Spuren des Breitenworbiser Hofes von Urahn Johannes Henkel führen zu zahlreichen Nachfahren seines hier geborenen Sohnes, des letztlich in Bad Orb tätigen Lehrers u. Komponisten Georg Wilhelm Henkel  /s.o. #5/.  Der Familienname wurde über Sohn Antonius (Jurist, Journalist), dessen Sohn Franz Georg H. (Dentist) an dessen Sohn Georg (Veterinär; [7] ) und nunmehr auf dessen Söhne in die 6. Generation (bezogen auf Johannes Henkel) weiter „vererbt“.

  •  Als viertes auf dem Henkelhof geborenes Kind von Johannes und Anna H. ist Maria Henkel genannt (1860-1926). Sie ehelichte den Lehrer Wilhelm Hartung aus Steinbach /Eichsfeld; ihre 6 erwachsenen Kinder sind noch im Eichsfeld geboren. W. Hartung‘s Wirken als Schuldirektor führte die Familie nach Halberstadt. Ihre zahlreiche Nachkommenschaft ist heute über West- und Süddeutschland verstreut. Besondere Bekanntheit erlangte ihr Sohn Karl Hartung (*1889 in Reinholterode /Eichsf., +1977 in Castrop Rauxel) als Verfasser wertvoller heimatgeschichtlicher Literatur über das Eichsfeld [sh. 2+3] und später über seine neue Heimat in Westfalen, wo er als Oberstudienrat wirkte.

  • Auch in der Nachkommenschaft  von Joh. Joseph Henkel, Goldschmied /s.o. #12/, geb. in Breitenworbis, ist der Name durch Heirat verloren gegangen.  

Weitere Vorgänge des ehem. Henkel- Anwesen in Breitenworbis

Die neuen Besitzer nach der Abwanderung von Anton Henkel wurden bereits genannt. 1908 ordnete Breitenworbis die Haus-Nummern straßenweise neu: Aus Haus #110 wurde Angergasse/Prinzenstraße Nr.1 und aus Haus #111 die Nr.3. - Haus #110 kam an weitere Besitzer: ab 1908 Josef Müller, Musiker / 1920 Julius Müller / ab 1928: Dachdecker-Mstr. Kaufung > Schwiegersohn Leibeling …

*

Für zwei-herrische Bewohnung von Haus #111 war vor 1935 mittig ein Eingang eingebaut und rechterhand offensichtlich die ehemalige Toreinfahrt zu Wohnraum verbaut worden, wie am abgesetzten Sockelmauerwerk mit grob behauenen Kalksteinbossen zu erkennen ist. Vermutlich wurde bei Umbauten im Erdgeschoß über 100 Jahre altes Fachwerk durch Mauerwerk ersetzt; im OG blieb es erhalten. Die Hof-Einfahrt ist nach Abbruch ehemaliger Wirtschaftsgebäude zum „Winkel“ hin verlegt worden, wo auch die von Tischler Aug. Bötticher erbaute Werkstatt steht.

Nach dem II.WK. war auch der ehem. ‚Henkel-Hof‘ in räumlicher Enge mit wechselnden Bewohnern belegt: im Ort verbunden mit der Eingliederung vieler Vertriebener, aber auch mit zahlreichen Fluchten aus der ‚Ostzone‘ bzw. der zunehmend eingezäunten DDR.

Die Werkstatt im Hof nutzte nach dem Krieg ein Tischler Vatterodt. Nach einem Brand hat sie während der bauschwachen DDR mehrfache Umnutzung erfahren: Unterrichtsraum für Werken, Konsum-Behelfsladen, Notunterkunft einer ausgebrannten Familie, Werkstatt für Gasgeräte...

Mitte der 1950er Jahre gelangte das Grundstück alte #111, seit 1908 Anger Nr. 3, durch Kauf in den Besitz der Familien W_ und B_. Baureparaturen waren erforderlich, Modernisierungen schufen den östlichen Eingangsvorbau mit Dachterrasse.

Heute wird das modernisierte ca. 180-jährige Haus über Fernleitung mit Erdgas beheizt und die Wasserversorgung/Entsorgung erfolgt zentral. - Zuvor waren Hofbrunnen für die Bauerngehöfte mit ihrer derzeit noch integrierten Viehhaltung unverzichtbar: Sie versorgten Menschen, Tiere, Gärten. Auch hier ‚Am Anger‘ gingen uralte Brunnen nach der Wiedervereinigung von DL. mit Fertigstellung der zentralen Wasserversorgung im Eichsfelder Kessel außer Betrieb.

 Traditioneller Altar am 'Henkel-Hof' zur Prozession an Fronleichnam                                     Foto M. Winter 

> Vermutlich historisches Erbe des als sehr fromm verbrieften ehem. Besitzers, Oekonom Johannes Henkel.

Hinweise

[1] Philipp Knieb, Eichsfelder Dorfchroniken / Herausgeber: Pinkert, Montag, Sieland / Eichsfeld Verlag 2001

[2] Karl Hartung, Sippenbuch Adam (1937)

[3] Karl Hartung, Vor-u. Nachfahren von Georg Philipp Henkel… (1933).  Er ist  3. Sohn v. Kl. Elisabeth Hartung, Tochter von (1) Johannes Henkel, geb.in BrW.

 [4] Werner Fischer, Auflistung v. 16.01.2012: „Breitenworbis, Familiennamen“

[5] M. Winter, „Großbrände in Breitenworbis“, Eichsf. Heimatzeitschrift 02.2014, S.46 ff.+ vorsteh. Aufsatz

[6] Peter Anhalt, „ … / Leben u. Werk von…(Komponist) Georg Henkel…“ , Eichsfeld-Jahrbuch 2017, S. 211 ff.

[7] Dr. Georg Henkel, diverse Mitteilungen Jan./Feb.2021 per e-Mail / Ihm gebührt herzlicher Dank für  sehr hilfreiche Unterstützung!

[8] Acta Schulzenamt

---


Bau-Gewerke & -Unternehmen in Breitenworbis


Althergebrachte Namen erinnern uns an historische Berufe im Bauwesen: Baumann, Kalkbrenner, Lehmann, Steinmann, Steinmetz, Ziegler, Zimmermann; sicher auch Träger usw. Zudem Handwerker aus Baunebengewerben, z.B. Dielenschneider, Glaser, Schreiner, Tischler, Schmidt…

Historische Bauweisen mit Naturmaterialien, wie Lehm u. Ton, Feld- u. Bruchsteine (hiesiger Muschelkalk und Sandstein), Sand und evtl. Branntkalk als Bindemittel, sind nur noch an wenigen Bauwerken, die nicht den Batterschen Flächenbränden zum Opfer fielen, erhalten. Der Beruf Maurer taucht in alten Einwohnerverzeichnissen seltener auf: die Fachwerkbauweise dominierte.  

Fachwerk, Flechtwerk, Lehm, Feldsteine

In solchen Katen wohnten mehrköpfige Familien!

Fotos: M.Winter



                                                         

Das um 1988 entworfene Ortswappen von Breitenworbis soll mit dem Mainzer Rad an die jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Kurfürstentum Mainz erinnern. Darunter sind die Landwirtschaft und die seit Anfang der 1960er Jahre sich namhaft vergrößernde Forstbaumschule angedeutet. Die geschichteten Ziegelsteine versinnbildlichen die Konzentration von Baugewerken in Breitenworbis.

Hier wurden ab 17. Jh. auch  2 Ziegelhütten betrieben. Die „Alte Ziegelhütte“ am „Schlage“ ist seit 1673 erwähnt; sie brannte 1908 ab. Seit etwa 1720 stellte die Neue Hütte am Teich bis zum ersten Weltkrieg (1914) Mauer- und Dachsteine (Ziegeln) her; der letzte Besitzer Carl Löffler brannte im Ringofen bis 1926 noch Kalk. Brennholz und die Ausgangsmaterialien Ton & Kalkstein fanden sich im nahen Ohmgebirge und in den „Tonkuhlen“ unter’m Kley. Ein Pferd zog den zum Mahlen in der Hütte betriebenen rotierenden Göpel.

Hohlziegel von 1884, signiert v. Christoph Löffler. Er war der  jüngste Bruder vom Besitzer Carl Löffler und wanderte danach nach Amerika aus.

( Foto: M.W / Dank an Herrn Manfred Funke, Gernrode ! )

 

      Dachziegel aus derHütte von Carl Löffler / um 1910

     

                                                                                                                             Denkmal der Ziegelhütte: Göpelstein.

Unterirdische Fragmente des Ringofens, erbaut um   1720


 Fotos: M.W. mit freundlicher Genehmigung von  Fam. R.+ I. Dietrich

*

Nach dem Niedergang der verbreiteten Hausweberei im 19.Jh. orientierten sich viele Breitenworbiser Männer auf Berufe des Bauhandwerks, vorwiegend Maurer. Die im Eichsfeld ausbleibende Industrialisierung zwang sie zum Broterwerb in der Fremde. Einige Maurer überbrückten den frostigen Winter mit der Arbeit als Eichsfelder Hausschlachter.

Die  Mitte des 19. Jh. einsetzende Fabrikation von Portlandzement ermöglichte völlig neue Bautechnologien, wie Betonbau, Herstellung von Terrazzoböden usw., die von Breitenworbiser Baubetrieben bald gemeistert wurden.

Im Ort selbst waren die Bauleute insbesondere nach Brandkatastrophen (wie 1859 oder 1905) gefragt. Eine Anzahl kleiner Unternehmen gründete sich. Mit der aufstrebenden Industrialisierung erwarben sie Aufträge an Industriestandorten zur Errichtung großer Produktionsstätten und Wohngebiete, die leider im Eichsfeld ausblieben.

Breitenworbiser Unternehmer bis 1945

  • Unter den im 19.Jh. sich in Breitenworbis gründenden Bauunternehmen war, neben wenigen Maurer-Meister-Betrieben  (wie z.B. A. Wucherpfennig /ff./), bedarfsgesteuert der Tiefbau stark vertreten. Dessen Haupt-einsatzgebiet lag zunächst im Straßenbau: bereits 1822/23 war die durch BrW. führende „Große Rheinstraße“ Berlin-Cassel geradezu nach Leinefelde angelegt worden, die Umlegung über Kirchworbis-Worbis erfolgte um 1851. Die in Richtung Harz führende 'Mackenröder Chaussee' über Haynrode - Großbodungen baute man 1848/49, zumeist unter Nutzung alter Wegführungen /Knieb S.84/. Packlage und Schotterung erforderten Transporte  durch die Pferde-fuhrleute.   
  • Nicht nur der Straßenbau hatte Blütezeiten: Zudem setzte „bahnbrechend“ um 1830 in Mitteleuropa der Eisenbahnbau ein. Die uns tangierende Strecke Halle-Kassel wurde abschnittsweise ab 1863 erbaut. Mit Kreuzhacke, Schippe und Holzschubkarre - bestenfalls Kipploren auf Feldbahnschienen - waren gewaltige Erdmassen für die Trassenführung zu bewegen. Das Monstrum des aufkommenden Dampfbaggers konnten sich Eichsfelder Kleinunternehmer kaum leisten. Maurerkolonnen errichteten Bahnhofsgebäude; für den Tunnel- und Brückenbau wurden Spezialisten eingesetzt. 1872 war die Strecke Halle-Kassel durchgängig freigegeben.

In der Bauphase von Kaliwerk Bernterode ab 1904 waren hier (neben speziell bergbaulichen Berufen) hunderte Maurer und andere Bauhandwerker bei schwerer Handarbeit und niedrigen Löhnen eingesetzt; 1905 streikten deshalb 115 Bauarbeiter: involviert waren der Christliche Maurerverband und die Freie Gewerkschaft. Von 78 Maurern verließen 43 die Großbaustelle /1/ und gingen wieder auf einträglichere Wanderarbeit. Dies verzögerte den Schacht-Baufortschritt. Besonders gefährlich war die Arbeit der Schachtmaurer bei der Abteufung von Schacht Preußen (1905/06) und Sachsen (1911/12).  /1/ Worbiser Kreisblatt, 85. Jahrgang Nr.95  

Das Baugeschehen im Ort Breitenworbis selbst konzentrierte sich auf die Neuerrichtung von Wohn- und Nebengebäuden nach den bereits beschriebenen Brandkatastrophen. Danach größere Bauprojekte waren 1906 das kath. Krankenhaus und 1910 unsere „7-klassige katholische“ Schule. Nachfolgend verhinderten zwei Weltkriege umfangreiche Wohnungsbauten, von der "Kolonie“ a.d. Schachtchaussee abgesehen.

Anhand aufgefundener (handschriftlicher!) Dokumente sollen einige Bau-Unternehmen genannt werden.

1926: für die Anlage der Weststraße findet sich in Ausschreibungen v. Landesbauamt Mühlhausen bzw. Straßenmeisterei Worbis z.B. der Unternehmer Franz Winter mit der Firmierung: „Wege-u. Chaussee-Bau, Pflasterarbeiten, Kanalisierung, Wasserleitung, Drainage“. Gleichfalls das Unternehmen von Steinsetzmeister Johannes Dölle oder die sich ‚Unternehmer‘ nennenden Breitenworbiser  Ignaz Raabe, Johannes Reinhardt, Georg Begau, Ferdinand Heidergott (Steinsetzmstr.), Albert Winter. Als eingesetzter Schachtmeister wird z.B. Hermann Vatterodt genannt.

Um 1932:  als im Rahmen von ‚Notstandsarbeiten‘ Grabenregulierungen und Erweiterung des Feuerteiches bevorstehen und „fachkundige und leistungsfähige Unternehmer… heranzuziehen“ sind, kamen Preisangebote von Tiefbauunternehmern wie Theodor Große, Johannes Raabe, Andreas Werner (Friedrichstr.22), Franz Winter (Mühlh.Str./ s.o.)  und von den ‚Unternehmern‘ Heinrich Hebestreit, Karl Hebestreit, Johannes Hebestreit, Franz Henkel, F. Mühlhaus, Bonifaz Raabe, H. Winter, Georg Vieth (Sottel) sowie von Firma ‚Hoch-u. Tiefbau‘ Ignatz Sander.

Den Zuschlag erteilte die Gemeindevertretung dem (offenbar billigsten) Unternehmer Franz Henkel. Etwa 50 Arbeiter wurden bei ca. 0,40 RM Stundenlohn beschäftigt. Vorgeschrieben war, dass für eine Kolonne von 25…30 Mann ein Schachtmeister einzusetzen war, der dem Bauleiter unterstand. Der Unternehmer selbst war zur ganztägigen Überwachung verpflichtet.      Georg Vieth:  Postkarte: Verhandlung Auftrag  Braunschweiger Baumeister

1933: Auf die Ausschreibung zum Ausbau von Flutgräben in der Gemarkung BrW. finden sich Preisangebote folgender z.T. bereits erwähnter Unternehmer: Joh. Hebestreit (erhielt den Auftrag) / Franz Winter / Bonifaz Raabe / Andreas Werner / Hoch- & Tiefbauunternehmung Ignatz Sander /  Georg Vieth / H. Winter, / F. Mühlhaus / Th. Große / Joh. Raabe sowie Richard Becker.      [Acta Schulzenamt]

1939..1945, in den unseligen Kriegsjahren, waren die meisten Baubetriebe, soweit ihre Mitarbeiter nicht an die Fronten befohlen wurden, zu Bauten der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft verpflichtet. Dies und ggf. NSDAP-Zugehörigkeit führte nach 1945 auch zu Verhaftung und Enteignung von Unternehmern durch die Sowjet-Besatzung bzw. DDR ('Entnazifizierung‘).  

Nach 1945 unter Bedingungen der Teilung Deutschlands tätige Baubetriebe

Kriegszerstörte Städte und Industriegebiete lagen in Trümmern, unser zusammengebrochenes D-Land wurde in 4 alliiert besetzte Zonen gespalten. - Einige den Hitlerkrieg überlebende junge Eichsfelder Baufachleute nahmen Arbeit in den Westzonen, wo es rasch aufwärts ging. Hier in Ostdeutschland verzögerte sich der Wiederaufbau durch anhaltenden Mangel (nicht nur an Baumaterialien) und Industrie-Demontage. Die Fluchtbewegung aus der SBZ / DDR bis zur totalen Abgrenzung 1961 (Mauerbau) erfasste auch Bauunternehmer, z.B. Fr. Winter nach Repressalien durch die Sowjets.

Bestand aus Vorkriegszeit hatten nur wenige der zuvor genannten Hoch- und Tiefbau-Unternehmer, wie Heinr. Wucherpfennig, Theodor Große (Wwe.) , Ignatz Sander, Johannes Dölle, Hermann Winter oder Dachdeckermeister Kaufung (*1883, Meisterprüfung um 1912!). Sie begannen ihre Aufbauarbeit mit den wenigen derzeit verfügbaren Materialien und Hand-Werkzeugen, allenfalls einer klapperigen Mischmaschine; Improvisation und Erfindergeist waren gefragt. Nur einzelne alte LKW, auf umständliche Holzvergaser umgerüstet, waren durch den Krieg überkommen. Neue Maschinen wie  Baukran, Bagger oder Planierraupe waren lange Zeit noch Wunschdenken.

Breitenworbiser Bauunternehmen in der DDR-Ära

Meist schon in der Vorkriegszeit gegründet, konnten o.g. private Bau-Firmen ihren Fortbestand (teils zeitweilig!) sichern. In den 1950ern bekannt waren die Firmen Wucherpfennig (ff.), Th. Große, Ign. Sander, Johannes Dölle, Dachdeckermstr. Kaufung (Fortführung durch Schwiegersohn Hermann Leibeling), Baumeister  Meinolf Müller,  Steinmetzmeister Felix Wiederhold (Fortführung > Schwiegersohn u. Enkel Matthäus); Steinsetzmeister Hermann Winter (Weststraße) fand Nachfolge in Sohn ‚Rudi‘ W. (ff.) Der in die Bau-PGH integrierte Baumeister M. Müller verließ noch vor der Grenzabriegelung die DDR.

Obwohl nicht zum Bauhauptgewerbe gehörend, sollen einige damit verbundene Handwerksbetriebe erwähnt werden:

Im Baunebenfach arbeiteten bereits vor dem Krieg mehrere Handwerksmeister, z.B. die Schmiedemeister Farke und Oscar Wand (der im ‚Spezial-Lager Nr. 4‘ der Sowjetbesatzung umkam / Fortführung durch Schwiegersohn Josef ‚Seppel‘ Löffler). oder die alten Klempnermeister  Aug. Nachtwey (spätere Werkstattnutzung durch Walter Große) und Franz Wieg. Weiter: Elektromeister  Adolph Raabe (Nachf.: Sohn Hermann und Enkelsohn M. (heute ‚Lumen Art‘), die Tischlermeister Bötticher & Fricke, Wigbert Bötticher ( > Horst Heiland), Alwin Träger, der Stellmachermeister Wand ( > Tischlermstr. Hartmut Hebestreit). Auch einige derzeitige Malermeister sind dem „Baunebengewerbe“ zuzurechnen: Wilfried Becker, Willi Eichner, Josef Wieg...  Malermeister H. Vogt betrieb industriellen Anti-Rost-Anstrich;  nach seinem Weggang in die BRD wurde die Firma von Frz. Schneppe bis zu dessen Verhaftung fortgeführt.

Unter den etwa 200 im Krieg gebliebenen Breitenworbisern befanden sich viele junge Fachleute dieser Gewerke.

Um 1950 gründete Hermann Große (Schwiegersohn von Unternehmer Joh. Dölle)  einen größeren Installateur-Betrieb und errichtete bis 1958 einen Wohnhaus- und Werkstattkomplex am Grünen Weg. Noch vor Grenzschließung flüchtete Fam. Große in die Bundesrepublik. Aus diesem Unternehmen mit mehreren dort ausgebildeten Fachleuten bildete sich 1959 in Zusammenschluß mit E-Meistern die PGH ELRO (1967 Neubau in Worbis / 1972 VEB-Anschluss). - Der aus diesen Betriebsformen hervorgegangene Heizungsbaumeister Günter Begau erhielt in späten DDR-Jahren eine Privatkonzession im Ort ( > fortgeführt durch Sohn Mario B.).

Durch ihre Transportleistungen mit dem Bauwesen verbunden, sollen auch 2 battersche Fuhrunternehmungen erwähnt werden.

Emil Winter, aus einem Bauernhof stammend, hatte seinen alten Lanz-Bulldog mit Kastenanhänger über den Krieg gerettet. Nach 1945 wurden ein kleiner Opel-Lastwagen und ein defekter Militär-LKW erworben und instandgesetzt. Hinzu kam ein alter MAN, den man selbst auf H-6-Motor umrüstete. Ohne Findigkeit und Improvisation lief derzeit nichts. Diese Fahrzeuge mussten noch vom Fahrer per Hand be-und entladen werden: neben Baumaterialtransporten besonders bei der Holzabfuhr zum Bahnhof eine schwere Arbeit. Für Schüttguttransporte konnte erst Anfang der 60er Jahre ein H-6-Lastzug mit Kippvorrichtungen und 1969 ein W-50-Lastzug erworben werden. Bei der Kfz-Beschaffung standen Privatbetriebe immer hinten an. - Letztlich trat Emil’s mitarbeitender Sohn Gerhard Winter die Inhaberschaft der Firma an; er fuhr nach der „Wende“ auch schwere moderne Lastzüge. 

Reschwamm & Höfler: Ein weiteres Fuhrunternehmen gründeten 1948 Karl R. und  Hans H. Sie waren aus dem Krieg als versierte Motorenspezialisten zurückgekehrt und konstruierten aus Wrackteilen ihren ersten urigen Omnibus mit Kastenaufbau und Holz-vergaser auf LKW-Fahrgestell. Bekannt ist auch das „Rote Gretchen“, bevor die findigen Experten typische Omnibusse für Ausflugfahrten und den entstehenden Linienverkehr aufbauen konnten. Zu Wochenanfang transportierten sie Bauleute zu Großbaustellen und holten sie am Wochende wieder heim. - Ab 1959 sicherte ‚staatliche Beteiligung‘ den Fortbestand des Unternehmens bis zur Übernahme in den entstandenen VEB Kraftverkehr. 






Reschwamm &  Höfler: Omnibusse um 1955

(Sammlung Inge K. geb. Reschwamm)

*

Vom SED-Staat zunehmend ideologisch zu Gunsten (staatlicher) Volkseigener Betriebe gesteuert, war die Zulassung und Entwicklung von Privatunternehmen, mit einigen Ausnahmen dienstleistender Meisterbetriebe (wie Schneider, Polsterer) jedoch sehr gehemmt. Sicher spielte auch der Sozialneid marxistisch geschulter Funktionäre auf „Privatkapitalisten“ eine Rolle; man überwachte diese und sorgte dafür, dass keiner zu 'reich' wurde: Im Sozialismus sollten alle gleich sein (aber manche waren doch etwas gleicher... )

Straßen- und Tiefbau

Viele Verkehrswege der Region waren über Jahrzehnte nicht gewartet worden; sie bestanden meist im Urzustand des 19. Jh. aus Packlage und Schotterung aus heimischem Kalkgestein, von urigen Dampfwalzen verfestigt. Die wenigen vor dem II.WK asphaltierten Hauptstraßen, wie die R_80, hatten nur noch Schlaglöcher und Asphaltinseln, jetzt ausgespült und durch Eisenreifen zerfahren. - In der derzeitigen Nachkriegslage waren mangels Bitumen-/Teer-Material gelernte Steinsetzer für die Straßenpflasterung erforderlich. Selbstironisch bezeichneten sich die Pflasterer als „Gäßchenmacher“. Mangels Maschinen  war  das schwere Handwerksarbeit. - Erinnert sei, dass der nach Worbis führende Abschnitt der ‚Fernstraße_80‘ erst 1955/1956 mit polterigen Basaltsteinen gepflastert wurde (nach 1990 grundhaft mit Bitumendecke erneuert).

Beispielsweise wurde das o.g. Vorkriegs-Unternehmen von Steinsetzmeister Hermann Winter (+ 1955) durch seinen Sohn Rudolf = ‚Rudi‘ Winter  (*1914) als im Jahr 1939 geprüfter Steinsetzmeister fortgesetzt, nachdem er als wehrpflichtiger Soldat erst 1949 aus sowjetischer  Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Im Straßenbau als privater Handwerksbetrieb tätig, hatte er bis zu 23 Mitarbeiter. Meister Rudi W. bewältigte neben der fachlichen Baustellenleitung auch die komplette Buchhaltung selbst; er kannte keinen Urlaub. Unter zunehmendem Druck der 'sozialistischen' DDR-Wirtschaftspolitik gab er schließlich sein Unternehmen auf und arbeitete ab 1968 als Meister im VE Kreisbaubetrieb, der auch seine Facharbeiter übernahm. 1972 wäre vermutlich seine Firma zwangsweise in diesen VEB überführt worden (ff.).

Gleisbau

Notgedrungen war diese Sparte sofort nach dem Krieg gefragt: Bekanntlich wurde das Schienennetz im Krieg arg verschlissen oder zerstört und nach 1945 durch Gleisrückbau für Reparationsforderungen der Sowjets dezimiert, so auch die Strecke Halle-Kassel nur noch eingleisig belassen.

Im Straßen- und Tiefbau mit der Spezialisierung auf Gleisbau profilierten sich 3 Breitenworbiser Unternehmen: Bereits für die Vorkriegszeit genannt ist der Betrieb von Ignatz Sander. Hinzu kam das Unternehmen von Alfred Walter und 1990 die Neugründung der NTG Bau GmbH.

>> Zur Entwicklung der beiden letzteren berichten die angefügten Abschnitte II. und III.

*

Nach 1960 bekamen 2 weitere Breitenworbiser Straßen-und Tiefbaubetriebe eine Gewerbeerlaubnis:

a) 1963 gründete Straßenbaumeister Rainer Große den nachfolgend unter  IV. beschriebenen Privatbetrieb.

b) Nachdem  Straßenbaumeister Ewald Hartmann viele Jahre als erfahrener Bauleiter bei Straßenbau Weimar tätig war, genehmigte ihm der DDR-Landkreis Worbis 1967 die Gründung eines privaten Handwerksbetriebs für Straßen-und Tiefbau, zunächst auf  wenige Leute begrenzt. Nachfolgend vom Schwiegersohn Straßenbaumeister Ing. Gilbert Kesting geführt und nach der „Wende“ auf bis zu 28 Mitarbeiter angewachsen, bestand dieses Privatunternehmen bis Ende 1999.

*    

Die allmächtige SED konzentrierte viele Eichsfelder Bauleute und -Betriebe auf den Wiederaufbau der Hauptstadt (Ost-) Berlin als Prestigeobjekt. Bei ihrer Heimfahrt am Wochenende brachten diese manches in der Provinz nicht Erhältliche mit.

Auf Grundlage des SED-"Eichsfeldplanes" zur sozialistischen Umgestaltung wurden in den 60er und 70er Jahren die "Spinne" Leinefelde und das Zementwerk Deuna errichtet.  Das Kaliwerk Bischofferode wurde rekonstruiert.  Hier fanden  eichsfelder Bauleute über Jahre "Heimarbeit" und schufen regionale Großbetriebe für die Erwerbsarbeit von Hunderten Frauen und Männern. Durch zahlreiche zugehörige Wohnblockbauten erwuchs Leinefelde zur Stadt.

Wohnungsbau in Breitenworbis: Außerhalb der wenigen im ‚Volkswirtschaftsplan‘ bilanzierten Wohnhausneubauten mussten viele zur Behebung von Wohnungsnot erforderliche Um- oder Ausbauten in „Eigenleistung“ und ohne Materialzuteilung erfolgen. In 'Selbstwerbung' arbeiteten Bauherren für Brandsteine in der Ziegelei, oder sie schippten Deuna'er "Kehrzement" in Sprengstoffsäcke. Für die Beschaffung von Bauholz musste man einen Revierförster gut kennen. Die zugewiesenen Bäume fällte der Bauherr mit Axt und Schrotsäge. Dann verhalf "Vitamin B" (wie Beziehung) zum Zuschnitt in einem alten, privaten Sägegatter. Auch die Transporte waren  nur durch private 'sozialistische Hilfe' zu organisieren; eine Hand wusch die andere...

Die Baubetriebe waren 'ausbilanziert' und konnten nicht in Anspruch genommen werden. Vielen jungen Familien in Wohnungsnöten leistete die fleißige „Feierabendbrigade“ um Paul Mühlhaus (mit ‚Bubi‘, Bruno, Leo, Lutz u.a. Fachmännern) nach der Arbeit im VEB ‚Nachbarschaftshilfe‘, ebenso Bernd Kabierske für den Klärgrubenbau oder K.+R. Strickstrock mit ihren Holzbearbeitungsmaschinen.

Auch im kommunalen Bereich war manches Vorhaben nur durch unbezahlte Arbeit der Einwohner im sog. "NAW" zu realisieren, wobei einige VEB bei der Materialbeschaffung Pate standen. SED-Funktionäre hatten es sicher anders gemeint: "Aus unseren Betrieben ist noch mehr herauszuholen..."   Ein Beispiel ist der Ende der 70er durch Vereine mit Stahlrohren erfolgte Neuaufbau des großen Zeltgerüstes für die sagenhaften Batterschen Volksfeste in der eingegrenzten DDR-Zeit.

Umbrüche nach „Wende“ 1989 und Wiedervereinigung 1990

Euphorischen Hoffnungen in der Wende folgte die Ernüchterung durch viele Umbrüche:  Arbeitslosigkeit, Existenzsorgen. Mit der Wiedervereinigung trat die Konkurrenzunfähigkeit vieler vakanter VEB zu Tage, über deren Schicksal nunmehr die ‚Treuhandanstalt‘ verfügte. Die ‚Abwicklung‘ zwang zahlreiche arbeitslos Gewordene zur Neuorientierung. Einige Unternehmer wagten die Reprivatisierung: Rückkauf der VEB oder einzelner ihrer Sparten; nicht alle überlebten erfolgreich.  

Für Bauunternehmen waren im abrupten Umstieg von der „sozialistischen Planwirtschaft“ in die freie, kapital-istisch orientierte Markwirtschaft, neben erfahrenen Fachleuten,  umfangreise Investitionen in effektivere Technik und Technologie unerlässlich; mit dem leichten DDR-LKW ‚W50‘ und urigen sowjetrussischen Baggern oder Planierraupen war man nicht mehr ausreichend leistungsfähig, um im harten Wettbewerb bestehen zu können.  Aus einer Fülle bisher nicht erhältlicher Baumaterialien konnte man jetzt schöpfen, aber  das Kriterium für Erhalt und gewinnbringende Ausführung von Aufträgen lag bei rationeller Arbeitszeitauslastung unter Nutzung effektivster Technologien, Maschinen, Handwerkszeuge.   

Unser Ort beherbergte alsbald einen Filialbetrieb der Baufirma Eickmann aus dem Hochsauerland, der arbeitslos gewordene Männer (z.T. Bergleute) im Bau beschäftigte.

Zudem hatte die Schrumpfung oder Auflösung nicht mehr konkurrenzfähiger VEB oder aufgeblähter „Kombinate“ eine Anzahl qualifizierter Facharbeiter, Handwerksmeister und Ingenieure aus Gewerken freigesetzt, die sich z.T. im Bauhandwerk oder im Nebengewerken privatisierten. Genannt seien folgende neue Battersche Betriebe:

Gegründete private Büro's für Architektur und Bauplanung / Bauleitung projektierten viele nun sukzessiv mögliche Vorhaben an Bildschirmen, statt alter Reissbretter. Straßenbau: Steinsetzbetrieb Elmar Begau; Bauhandwerk: Roland Wieg, Bernd Büschleb. Im Elektrofach: Uli Begau, Werner Offiara. HLS-Installateurhandwerk: Ing. Karl Frixel (Nachf.: Sohn Denis), Thomas Degenhardt, Rolf Kaufmann. Nach erfolgreicher Meisterprüfung gründete Karl Vatterodt 1990 seinen Tischlerei-Handwerksbetrieb mit Neubau „Am Sottelgraben“. -

Der auf Grundlage nun verfügbarer Materialien entstehende Bauboom erfasste neben privatem Wohnungsneubau auch kommunale Objekte, z.B. Bau des VG-Gebäudes oder Rekonstruktion unseres baufälligen Gemeindesaales 1998/99, wie auch gewaltige 'Aufbrüche' der Straßen durch Erneuerung der Leitungsnetze für  Wasser-/Abwasser (Anschluss an eine zentrale Kläranlage) sowie für  Erdgas und E-Energie.

*

Nachfolgend sollen Hemmnisse und historische Zäsuren der Entwicklung von Handwerksunternehmen und mittelständischen Betrieben während der DDR-Ära 1949…1990  anhand von vier markanten, authentischen Beispielen verdeutlicht werden. Im Kontext lassen sich Auswirkungen der von der marxistisch-leninistisch orientierten (der Sowjet-KPdSU unterwürfigen) SED ideologisch gesteuerten „sozialistischen“ Umgestaltung und Wirtschaftspolitik unter dem Diktat von zentralistischer Planwirtschaft, nachhinkender Technisierung und permanentem Materialmangel ablesen. Die SED-Propaganda hingegen stellte immer nur gesellschaftlichen 'Fortschritt' und großartige ‚sozialistische‘ Erfolge heraus.

  I. Vom Bauhandwerksbetrieb Wucherpfennig zur Bau Breitenworbis GmbH

Quelle: Manuskript von Herrn Gerhard Wucherpfennig, Dipl.-Wirtschafts-Ing. (FH)  u.  Meister der Bauindustrie:                                 "Vom Bauhandwerksbetrieb Andreas Wucherpfennig zur 'Bau Breitenworbis GmbH' "  datiert 15.08.2021

Bearb.: M. Winter [Kommentare in Klammern]

[Diese wechselvolle Geschichte eines Breitenworbiser Unternehmens in über 130-jähriger Tradition ist ein Spiegelbild politischer Wandlungen, insbesondere der im Ergebnis des Hitlerkrieges dem östlichen Eichsfeld übergestülpten SED-Herrschaft mit ihren ‚sozialistischen‘ Experimenten].

Herr Wucherpfennig schreibt  in seinem als Betriebschronik verfassten Manuskript von 08.2021:

„Nach der Gründung des Bauhandhandwerksbetriebes meines Großvaters Andreas Wucherpfennig hat der Baubetrieb eine Reihe von Gesellschaftsordnungen überstanden:

Kaiserreich 1890 – 1919  //  Weimarer Republik 1919 – 1933 //   Deutsches Reich + NS-Zeit  1933 – 1945 //  Sowj. Besatzungszone   1945 – 1949  //  DDR    als Diktatur 1949 -  11.1989  // DDR    als Demokratie    11.1989  -10.1990 // Bundesrepublik Deutschland  ab 3.10.1990…“

Übersicht der Betriebsformen:

1. 1890: Maurermeister Andreas Wucherpfennig (*1873  +1935)

2. 1928: Maurermeister Heinrich Wucherpfennig (*1902  +1951)

    1954: Fortführung durch Gerhard Wucherpfennig, Meister der Bauindustrie, Ing.-Oec., Dipl.-Wirtschafts-Ing.(FH)

3. 1958: Produktionsgenossenschaft des Bauhandwerks PGH Breitenworbis

4. 1972: VEB Bau Breitenworbis

5. 1985…1990 Übernahme in den VE Kreisbaubetrieb Worbis

6. 1990: Ausgliederung und Neugründung des VEB Bau Breitenworbis

7. 1990: Reprivatisierung

8. 1991: Bau Breitenworbis GmbH

Diese reversible Entwicklung veranschaulichen die Briefköpfe:  (Sammlung G.Wucherpfennig / Repro:  M.Winter)


1.   1890: Gründung durch Maurermeister Andreas Wucherpfennig (*1873  +1935)

Unter der Firmierung  Andreas Wucherpfenning, Baugeschäft   fertigte sein Handwerksbetrieb zunächst auf dem Batterschen ‚Sperlingsberg‘ Grabsteinelemente, Beton- und Terrazzoelemente sowie erledigte Maurerarbeiten bei Hausbauten. -  Nach dem Großbrand von 1905 errichtete Andreas W. an der Ecke Friedrich- / Lange Straße anno 1909 seinen architektonisch ansprechenden Wohnhausneubau, dem Arbeitsflächen und Nebengebäude mit Büro- & Lagerräumen angegliedert sind. Hier wurden dann Grabfassungen, Denkmäler, Terrazzofliesen, Gehwegplatten und weitere Betonelemente hergestellt. Die Qualität der von Andreas Wucherpfennig z.B. geschaffenen Terrazzo-Fußböden überdauerte viele Jahrzehnte. Als Baumeister erarbeitete er bautechnische Unterlagen und errichtete mit seinen Fachleuten teils schlüsselfertige Bauten, wie z.B. die Schule in Neustadt. Das von Andreas W. gestaltete Breitenworbiser Kriegerdenkmal  ist zuvor im Abschnitt „Denkmale“ beschrieben.

 







Schule Neustadt, durch Fa. Andreas Wucherpfennig erbaut. -  Hier finden sich A. Wucherpfennig's ornamental gestaltete Klinker-Ausfachungen von seinem 1909 erbauten Wohnhaus in BrW. wieder.

2.    1928: Übernahme durch Maurermeister Heinrich Wucherpfennig (*1902  +1951)

Heinrich W. erlernte das Maurerhandwerk und legte 1926 in Magdeburg die Meisterprüfung ab. Nach der Mitarbeit im väterlichen Betrieb übernahm er 1928 das Unternehmen unter der Firmierung:  H. Wucherpfennig, Baugeschäft / Hoch-und Tiefbau. Eisenbeton- und Silobau. - Die Spezialisierung auf Eisenbeton erbrachte schwerpunktmäßig Aufträge vom Staatlichen Hochbauamt Nordhausen, wie Staatsdomäne Reifenstein, Brückenbauten der Reichsbahn. - Zur Nutzung heimischer Rohstoffe wurde ein Kalksteinbruch a.d. Mittelberg vom Staatsforst auf Pachtbasis übernommen.

Als Teilhaber der Firma Arbeitsgemeinschaft Hebestreit / Nebel / Wucherpfennig verrichtete man Tiefbauarbeiten im Raum Halle-Leipzig. Vor Kriegsbeginn 1939 zählte die Firma ca. 90 Mitarbeiter, darunter Polier, Vorarbeiter, Schachtmeister, Lehrlinge, Arbeiter, Hilfsarbeiter. -  Ab 1940 wurde die Firma, ähnlich anderer Bauhandwerksbetriebe, zu NS-Kriegsbauten dienstverpflichtet (Insel Sylt, Berlin u.a.). Mehrere junge Mitarbeiter ließen als wehrpflichtige Soldaten ihr Leben im Hitlerkrieg.    

*

Ab 1945: Nach dem Zusammenbruch, während der US-amerikanischen Besetzung, begann Heinrich Wucherpfennig im Mai 1945 mit seinem Sohn Heinz Josef W. und einem Schulkollegen, wieder Grabeinfassungen in der Werkstatt herzustellen. „Schrittweise konnten ehemalige Mitarbeiter, wie Polier, … Schachtmeister,… Maurer… eingestellt werden. … Mit ersten Baureparaturen begonnen.- Die Beschaffung von Baumaterialien war eine einzige Katastrophe. Lehmbauweise… Gewinnung von Kalksteinen im eigenen Bruch… Abbruchmauersteine, teils in der Ziegelei Niederorschel getrocknete Lehmbausteine.. wurden mit Lehm vermauert und verputzt. In Geschoßdecken zwischen Balken Lehmwickel…eingebaut. Als Baukalk wurde… ein Abfallprodukt als ‚Buna‘-Kalk … lose mit Bahnwaggon angeliefert, mit Schaufel auf LKW… und ebenso in Trockenräume entladen…“. Notgedrungen erzeugte H. Wucherpfennig ein eigenes Bindemittel auf Basis gebrannter Mehlsteine aus seinem Steinbruch. „Zement war etwas ganz besonderes… über die Grenze schwarz bezogen…. Aufträge erfolgten zunächst durch Betriebe, Gemeinden und Privatpersonen. Schritt für Schritt setzte sich die Planwirtschaft durch. Ohne eine Kennziffer keine Baugenehmigung…“

Durch Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft und Vertriebene aus Ostgebieten wuchs die Belegschaft weiter an. Das sog. Neubauernprogramm auf Basis der Enteignung von ‚Großgrundbesitzern‘ gemäß SMA-Befehl 209 brachte der Firma Bauaufträge für Neubauern-Häuser mit Stallungen im Bereich Sollstedt, wobei Baumaterialien (auch aus abgebrochenen Gutshäusern) staatlich zugewiesen wurden.

Schrittweise entwickelte sich das Handwerk im Eichsfeld weiter. Der Bedarf an Wohn- und Gewerbebauen brachten neue Aufträge…. Qualität und Zuverlässigkeit … sicherte in Industriebetrieben Aufträge, die durch staatliche Kennziffern den Bezug von Baumaterialien erleichterte.“

Als Firmeninhaber Heinrich W. nach schwerer Krankheit 1951 verstarb, wurde „…das Geschäft als Witwenbetrieb unter Leitung von Ing. W. Große mit dem langjährigen Polier Albert Müller…, 10 Facharbeitern und 3 Lehrlingen bis zum 31.12.1953 weiter geführt…“

3.   1954  Fortführung durch Gerhard Wucherpfennig, geb. 1935

Nachdem Gerhard W. die Facharbeiterprüfung als Maurer abgelegt hatte, übernahm er mit 19 Jahren die Leitung der Firma Heinrich Wucherpfennig, Baugeschäft. Er hatte sich Kenntnisse der Abrechnung von Bauleistungen und der Buchhaltung erarbeitet und erhielt entscheidende Unterstützung bei der  Durchführung von Bauleistungen durch Albert Müller, den langjährigen Polier der Firma. 1960 legte Gerhard W. die staatliche Prüfung als Meister der Bauindustrie ab. Von 8 Mitarbeitern und 1 Lehrling im Jahr 1954 wuchs die Belegschaft bis 1957 auf 18 AK und 3 Lehrlinge an. Derzeit galt in der DDR eine Begrenzung für Bau-Handwerksbetriebe auf max. 20 AK + 3 Schwerbeschädigte + 3 Lehrlinge.

„Die Abrechnung der Bauleistungen erfolgte nach den staatlichen Festlegungen… Preis- und Kalkulationsfestlegungen… schrittweise Ermittlung von Arbeitsnormen…“

In dieser Zeit errichtete der Handwerksbetrieb Wohnhäuser in der Str. d. Einheit, Gebäude der Fleischerei Hartmann, einen Hochbehälter in Birkungen – oder führte Baureparaturen und Ausbauten z.B. in alten Webereien durch. Im betrieblichen Steinbruch gewonnene Kalksteine wurden durch Steinmetze teils zur Sockelverblendung bearbeitet.

Herr G. Wucherpfennig resümiert für die Jahre des privaten Handwerksbetriebes 1954…57: „Es war eine Ehre und Freude, mit einem sehr guten Team für unsere Kunden Bauleistungen in guter Qualität termingerecht und zur Zufriedenheit der Auftraggeber herzustellen und mit Hochachtung den Betrieb meines Großvaters Andreas und Vaters Heinrich in dritter Generation weiter zu führen“.

4.   1958: Produktionsgenossenschaft des Bauhandwerks PGH Breitenworbis

[Erklärtes Ziel der DDR-Staatspartei ab 1952 war, den ‚Sozialismus‘ auf der Grundlage ihrer marxistisch-leninistischen Ideologie zügig als Vorstufe des ‚Kommunismus‘ aufzubauen. Ulbricht betrieb die zwangsweise Überführung des Privateigentums an Produktionsmitteln in genossenschaftliches und letztlich 'Volkseigentum'. - Private Strukturen und unternehmerische Initiativen wurden der ‚sozialistischen‘ Planung und Lenkung durch Staatsorgane unterworfen, sprich starre Bindung an Betriebspläne. -  So wurde zunächst der Zusammenschluss von Handwerksbetrieben zu Produktionsgenossenschaften des Handwerks –PGH– forciert. Wo ‚sozialistische Überzeugung‘ nicht gelang, hatten Funktionäre Repressalien zur Hand.]

1958 bewogen gleichgeschaltete Funktionäre der SED-Kreisleitung, des Rat des Kreises, der Kreisgeschäftsstelle des Handwerks und der DDR-Staatsbank ausgewählte Handwerksbetriebe zum ‚freiwillligen‘ Zusammenschluss auf Basis der Verordnung über PGH v. 18.07.58. Propagierte Vorteile waren planmäßige Materialversorgung und staatliche Investitionshilfen.

So gründete sich zwangsläufig am 12.08.1958 die PGH Bau Breitenworbis durch Zusammenschluss folgender Breitenworbiser Handwerksmeister-Betriebe: Meinolf Müller (Baugeschäft), Heinrich  Wucherpfenning (Baugeschäft),  Hermann Leibeling (Dachdeckerbetrieb), Felix Wiederhold (Steinmetz + Grabsteine).  Diese brachten insgesamt 33 Produktionsarbeiter in die PGH Bau ein. Die Mitglieder wurden zu gleichberechtigten Eigentümern der Genossenschaft erklärt, „die die Ergebnisse ihrer Arbeit teilen und im Territorium als zuverlässiger Partner qualitätsgerechte Arbeit abliefern“. Zum Vorsitzenden wählten die Mitglieder 1958 Steinmetzmeister Felix Wiederhold; das Büro war zunächst in dessen Gebäude Mühlhäuser Str.1. -  Die Palette der PGH umfasste Hoch- und Tiefbauleistungen, Arbeiten im Dachdecker-, Zimmerer-, Steinmetzgewerk  u. Fertigung von Betonelementen sowie Kalksteingewinnung im Steinbruch. Lagerplätze und Arbeitsräume befanden sich zunächst noch auf Grundstücken der ehem. Betriebe.

Während die Personalentwicklung von 1958 bis 1960 als „sehr positiv“ bezeichnet wird, heißt es: „Die ökonomische Entwicklung in diesem Zeitraum war sehr prekär“.

Die Jahreshauptversammlung 1960 beschloss Änderungen in der PGH-Leitung und wählte den Meister der Bauindustrie Gerhard Wucherpfenning zum Vorsitzenden. Mit dem Ziel einer stabilen Entwicklung von Bauproduktion und Produktivität führte die PGH feste Verantwortungsbereiche mit verantwortlichen Bereichsleitern und die sog. Wirtschaftliche Rechnungsführung ein. „Grundlage der Produktion sowie der Investitionen der PGH Bau war der beauflagte Staatsplan durch das wirtschaftsleitende Organ, Kreisbauamt Worbis“.  Ab 1960 lautete der Betriebssitz: Bau PGH Breitenworbis, Lange Straße, Hochbau - Betonelemente - Transportbeton – Baustoffe.

Die weitere Entwicklung führte 1967 zum Erwerb des heutigen Betriebsgeländes am Nordrand von BrW. 1968: Projektierung eines Betriebsgebäudes, Errichtung von Fahrzeughalle, Garagen und Betonierung der Zufahrtsstraße. 1969 entstanden die Betonhalle u.a. Werkräume. 1970… 71: weitere Gestaltung des Geländes, zunächst ohne ein Bürogebäude.

5.   1972: Die Bau-PGH wird zum VEB Bau Breitenworbis, Friedrichstr.2

[Nach dem VIII. Parteitag der SED beschloss das Politbüro des ZK der SED auf der 4.Tagung auf ideologisches Betreiben von Honecker, halbstaatliche und private / genossenschaftliche Eigentumsformen in Volkseigentum zu überführen, um den DDR-Sozialismus voranzutreiben. Nach Zustimmung vom Ministerrat wurden am 01.03.72 entsprechende Maßnahmen beschlossen. -  Diese Verstaatlichung geschah durch Aufkauf (meist auf Basis der geringen Buchwerte) und wurde wiederum als ‚freiwillig‘ deklariert. Die SED hoffte insgeheim, durch Unterstellung der Betriebe in die zentrale Planung die steigende Devisenverschuldung der DDR zu bremsen.]

Bereits am 24.04.1972 verstaatlichte man die Bau PGH Breitenworbis zum VEB Bau Breitenworbis. Eigentümer war nunmehr der Kreis Worbis, übergeordnetes Organ das Kreisbauamt mit dem Kreisbaudirektor. Als Betriebsleiter berief der Vorsitzende des Rat des Kreises Worbis den bisherigen Vorsitzenden der Bau PGH Gerhard Wucherpfennig. Neben seiner Arbeit als Meister der Bauindustrie stand dieser im Fernstudium zum Ingenieurökonom, das er 1978 abschloss (1999: staatliche Anerkennung als Dipl.-Wirtschaftsingenieur FH).

„Als VEB Bau, im Aufbau, hatte der Betrieb neue Möglichkeiten, die Zentralisierung und Erweiterung der Produktionsflächen, sowie ein eigenes Verwaltungsgebäude, mit eigenen Kräften schrittweise zu verwirklichen. Die finanziellen Mittel wurden durch die Staatsbank der DDR abgesichert… Unsere Aufgabe war, im Schwerpunkt Baureparaturen und Kleininvestitionen im Territorium zu realisieren, sowie die materielle Warenproduktion weiter zu führen.“ (Für größere Baumaßnahmen im Kreis war der Kreisbaubetrieb Worbis zuständig).

Die weitere politische Vorgabe lautete: Schaffung größerer VE-Betriebe! So erfolgte im Jan. 1974 der Zusammenschluss mit dem VEB Aufbau Deuna. Dieser Betrieb mit ähnlichem Profil war in gleicher Weise erst zur PGH unter Maurermeister F.J. Müller und dann verstaatlicht worden. Im Mai 1974 gliederte das wirtschaftsleitende Organ noch den halbstaatlichen Baubetrieb (ehem. Firma Stock) Großbodungen an, welcher bereits seit 1972 zum Kreisbaubetrieb Worbis gehörte. - Damit konnte besonders die industrielle Warenproduktion (Betonelemente) erweitert werden. Diese Zusammenlegung führte zum Bau des Verwaltungsgebäudes in Breitenworbis, in dem auch eine Projektierung Platz fand.

Es „…entwickelte sich ein Betrieb mit einer starken Bauproduktion, welcher in der Lage war, von der Projektierung, Erschließung der Baustelle, die  Maurer, Putzer, Zimmerer, Dachdecker, eine Leistung aus einer Hand anzubieten und in guter Qualität auszuliefern... Die weitere Zentralisierung durch den weiteren Aufbau von Produktionshallen und Freiflächen auf dem Betriebsgelände (Breitenworbis) ermöglichte die Rationalisierung der Produktion von Betonelementen und Fertigbeton“.

In 4 Produktionshallen fertigte der VEB Bau Breitenworbis bald z.B. Leichtbeton-Montageelemente für den Wohnungsbau, Beton-Einschubdielen, Betonstürze, Stufen, Sohlbänke wie auch besondere Betonteile. Der Betriebsteil Großbodungen produzierte Straßenhochborde. Nach Erweiterung des Betriebsgeländes in BrW. auf 27.000 qm und Anschaffung eines Fertigers lief die rationelle Herstellung von Hohlblocksteinen aus Schwerbeton an, teilweise im 2-Schichtsystem.


Hallo Kurt!  Welches Jahr?

Im Zeitraum von 1979 bis 1982 kamen pro Jahr zur Verarbeitung: ca. 41.000 to Kies 0-16  und ca. 4.900 to Zement PZ 375.  [ > ‘Tonnen-Ideologie‘ in der DDR-Wirtschaft]

1978: Nachdem drei alte Werkstätten in Deuna, Bernterode und Breitenworbis Holzbauelemente in Einzelfertigung herstellten, nahm der BT Deuna  die effektivere Produktion von Holz-Verbundfenstern auf. Voraussetzung waren Investitionen in Maschinen und Gebäude: Ergänzungsbauten und Umnutzung von Betonhallen, Verbesserung des Maschinenparks und technologische Rationalisierung. Pro Jahr konnten dann bis zu 14.000 Verbundfenster ausgeliefert werden. Bei nahezu gleichbleibenden Beschäftigten-Einheiten stiegen im Zeitraum 1980..82 die abgerechneten gesamtbetrieblichen Leistungen erheblich.  

Sehr vorteilhaft für die Beschäftigten entwickelten sich auch die Arbeitsbedingungen: Küchenversorgung, Sanitär- und Umkleideräume… in stationären Betriebsteilen, sowie Zahlung von „Essengeld“ an die Kollegen auf Baustellen. Zuschüsse stellte der Sozialfonds bereit. „In Bresewitz / Zingst … wurde in Gemeinschaft mit dem VEB Sperrholzwerk Ndo. …ein Ferienheim mit 21 Zimmern…errichtet und den Mitarbeitern/Innen ein kostenloser Ferienplatz zur Verfügung gestellt.“ [So wurden durch Leitungsgeschick im VEB Bau einige von der SED propagierte ‚Vorzüge des Sozialismus‘  umgesetzt. Dieser Errungenschaft stand entgegen, dass die eingezäunt DDR  „Ferienplätze“ in der freien Welt verhinderte].


6.     1985…1990 Zwischenzeit des VEB Bau Breitenworbis im VE Kreisbaubetrieb Worbis

Durch Festlegung des Rates des Kreises als Eigentümer des VEB Bau Breitenworbis wurde der Betrieb an den VEB Kreisbaubetrieb Worbis zum 1.1.1985 angeschlossen…“

Der ehem. Betriebsdirektor von VEB Bau, Herr Wucherpfennig, wurde ‚Fachdirektor für Industrielle Warenproduktion‘. Zu Bereichsleitern ernannte man: Herrn A. Stock (Betonelemente / Fertigbeton in den  BT Breitenworbis und Großbodungen) und Herrn J. Hesse (Fensterproduktion im BT Deuna)

[Zu welchen wirtschaftlichen Ergebnissen diese weitere Zentralisierung in Richtung „Kombinatsbildung“ führt, ist im Quellbericht ausgespart. Dies fällt in die Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs der DDR-Wirtschaft und beginnender politischer Proteste, die am 9.November 1989 zum Mauerfall und am 3.Okt. 1990 zum Anschluss an die freiheitliche, marktwirtschaftliche Bundesrepublik führten.]


Betriebsgebäude Breitenworbis vor und nach der Wiedervereinigung, erkennbar an den Kfz.


7.   1990 Ausgliederung und Neugründung des VEB Bau Breitenworbis

„Mit der politischen ‚Wende‘ in der DDR ergaben sich Möglichkeiten der Reprivatisierung bestehender VEB. Herr Wucherpfennig, bis zur Auflösung Vorsitzender der PGH Bau Breitenworbis, und Herr Stock, ehem. Geschäftsführer des ‚Halbstaatlichen Betriebes‘ der Firma A. Stock Großbodungen waren sich einig, diesen Schritt gemeinsam zu gehen. Da es zu diesem Zeitpunkt nur möglich war, als Betriebsleiter eines VEB einen Antrag auf Reprivatisierung als Teilbetrieb des bestehenden VEB zu stellen, wurde durch die neuen Organe des Kreises Worbis die … Trennung vom VEB Kreisbaubetrieb zugelassen und den ehem. VEB Bau Breitenworbis mit den Betriebsteilen Breitenworbis und Großbodungen mit Wirkung vom 1.5.1990 wieder zu übernehmen… Am 1.5.1990 wurde Herr Ing.-Ök. Gerhard Wucherpfennig…als Betriebsleiter …berufen. Herr Bauing. Albert Stock wurde stellv. Betriebsleiter, Herr Alfred Müller Buchhalter… Die Kollegen der BT Breitenworbis und Großbodungen wurden wieder Beschäftigte im VEB Bau Breitenworbis. “

8.    1990  Reprivatisierung und Übernahme des VEB Bau BrW. durch die PGH Bau Breitenworbis

„Im Mai 1990 wurde der gemeinsame Antrag der ehem. PGH Breitenworbis und des ehem. Halbstaatlichen Betriebes der Firma Stock Großbodungen auf Reprivatisierung des VEB Bau genehmigt und die PGH Bau Breitenworbis neu gegründet. Mit Unterstützung der Volksbank Duderstadt erwarb die PGH Bau von der Treuhand das gesamte Eigentum des VEB Bau Breitenworbis und nahm ihre Tätigkeit am 1.6.1990 als PGH Bau Breitenworbis, Sitz Lange Str.85 … im Hoch-u. Tiefbau – Betonfertigelemente / Fertigbeton wieder auf… 8 Ehemalige Mitglieder der PGH Bau (Stand v. 23.04.1972), welche in der erneut gegründeten PGH die Arbeit aufnahmen, wählten G. Wucherpfennig zum Vorsitzenden / Geschäftsführer, nahmen  A. Stock  (als Repräsentanten des ehem. Unternehmens Stock als privatisierter Betrieb) als gleichberechtigten Gründer in die PGH auf und bestätigten ihn als stellv. GF.  A. Müller wurde als Buchhalter bestätigt. – Alle Mitarbeiter des VEB Bau schlossen sich der PGH Bau an. Mit der Währungsumstellung vom 1.7.1990 von „Mark der DDR“ zur „DM“ der Bundesrepublik erfolgte die Eröffnungsbilanz auf Basis DM “.  Weiter konstatiert Herr Wucherpfennig:

„Einer vollkommen veränderten ökonomischen Struktur standen wir gegenüber. Alle produzierenden Gewerke waren plötzlich dem Wettbewerbsdruck in ganz Deutschland ausgesetzt. Die Nachfrage nach unseren Produkten der Betonproduktion ging von… vollem Absatz … gegen Null… Starke Unternehmen aus dem Westen übernahmen die jetzt geförderten Aufträge z.B. im Straßenbau und brachten das eigene Baumaterial von ihren eigenen Lieferanten mit…. Die stockende Nachfrage im Territorium wollte überwiegend Ware aus dem ‚Westen‘…  - Die Geschäftsführung baute aus den frei werdenden beschäftigten Baufacharbeitern und weiteren Einstellungen die Bauabteilung wieder auf… Erste Baustelle war die Instandsetzung der Natursteinmauer der kath. Kirche im Ort. Durch Erwerb eines teilautomatisierten Betonsteinfertigers wurde die Produktion von Betonelementen in neuer Qualität und höherer Leistung erweitert durch Leichtbetonsteine, Straßenborde, Schalungssteine. ...Arbeitsbedingungen... durch Einsatz neuer Materialien, der Technisierung sowie Kleinmechanisierung in der Produktion erleichtert. Einige Selbstverständlichkeiten mussten entfallen, wie die Versorgung mit …Küche, …Urlaubsplätze in Bresewitz… . Der Weg zu höheren Löhnen, um die höheren Bedürfnisse zu befriedigen, forderte in der Produktion die Erhöhung von Produktivität und Qualität… In der Zeit von 1.7.-31.12..1990 wurden Umsatz / Erlöse in Höhe von 1.534.925 DM erarbeitet.“

9.   1991  Gründung des Betriebes „Bau Breitenworbis GmbH“

Zur Sicherung der Arbeitsplätze und des Grundvermögens gründeten die Mitglieder des reprivatisierten (PGH-) Betriebes am 01.06.1991 den Betrieb Bau Breitenworbis GmbH, Sitz Lange Str. 85 (75) 37339 Breitenworbis. Alle Mitarbeiter wurden übernommen, die Produktionsmittel auf Mietbasis zur Verfügung gestellt. Als Geschäftsführer wurden bestellt: G. Wucherpfennig (01.06.1991 – 30.06.1999) /   A. Stock  (01.06.1991 – 31.12.1995) / A. Müller  und   U. Görge (1994 >....)   Als Buchhalter wurde bestellt:  A. Müller (01.06.1991 >> ) .  Arbeitsgebiete der Bau Breitenworbis GmbH sind: Hoch- und Tiefbauleistungen / Herstellung von Betonelementen / Fertigbeton /  Baustoffhandel  / Transportleistungen.  

Im Zeitraum 1995…2000 stiegen insbesondere die Bauleistungen. Beispiele zur Lohnentwicklung (Stundenlohn Facharbeiter):  1.6.1990 PGH Bau BrW:    5,35 Mark der DDR //  1.7.1990:    8,75 DM  //   1.6.1991 Bau BrW GmbH: 11,15 ..14,35 DM //  2000:   19,50 DM //    2002:     9,80 €


Nach der Wiedervereinigung v.d. Bau Breitenworbis GmbH errichtet:

 Okay-Markthalle                                                                                             Wohn- und Geschäftshaus Weststr.  Fotos: Bau GmbH


2007/2008 Betonierung des Höllbergtunnels unter Mitarbeit der BAU Breitenworbis GmbH             Foto: M.Winter

* * *

Herr Gerhard Wucherpfennig resümiert abschließend in seiner Betriebschronik v. 15.08.2021:

„ ... Ab 1.3.1959 habe ich als Maurer / Leiter des Baubetriebes Heinrich Wucherpfenning, Baugeschäft in Breitenworbis, und unter unterschiedlichen Eigentumsformen bis zur Altersrente 1999 in der Bau Breitenworbis GmbH gearbeitet. 45 Jahre war ich Leiter des Baubetriebes in Breitenworbis (darunter zu Zeiten des Kreisbaubetriebes als Fachdirektor der Betriebsteile BETON Breitenworbis u. Großbodungen sowie Fensterproduktion Deuna) und habe die Familientradition, auch unter fremden Eigentümern, aufrechterhalten können...“



II. Unternehmung  Alfred Walter

Bericht ist  in Zusammenarbeit mit  Enkelsohn  Michael Walter recherchiert / Fotos: Fam. Walter

Alfred Walter (*01.01.1902 +10.10.1972) erlernte zur Zeit der beginnenden Elektrifizierung  zunächst den Beruf eines Zeichners für Elektrotechnik. (Der Stromleitungsbau im Ort Breitenworbis wurde durch den I. Weltkrieg unterbrochen.)

1929 arbeitete A.W. als angestellter Schachtmeister und wurde 1935 von der Erfurter Handwerkskammer als Inhaber eines Tiefbaubetriebes in die Handwerksrolle eingetragen.

Den Hitlerkrieg hatte er als Soldat der Luftwaffe überlebt. Nach seiner Freilassung aus alliierter Internierung bemühte er sich bei Organen der damaligen sowjetischen Besatzungszone (SBZ) um die Wiederzulassung seines Unternehmens für Straßen-, Tief- & Eisenbahnbau. Dem wurde bedarfsgerecht 1946 stattgegeben.

Alfred Walter brachte neben seiner praktischen Tiefbauerfahrung unternehmerische Ambitionen und kaufmännisch-buchhalterische Fähigkeiten ein. Mit wenigen aus dem Krieg zurückgekehrten Fach- und Hilfsarbeitern gestartet, bildete die Firma bald eigenen beruflichen Nachwuchs aus.  In den Nachkriegs- und frühen DDR-Jahren war noch schwere Handarbeit zu leisten, die Technisierung brauchte lange Anläufe. Heute sintflutlich anmutende Vorrichtungen und Maschinen halfen z.B. im 1952 wieder zur Kreisstadt erklärten Worbis z.B. beim Kanalbau oder der Wipper-Verrohrung.

um 1956:  Kanalbau in Worbis





Die sukzessive Spezialisierung auf Gleisbau sicherte Aufträge und Materialbereitstellung z.B. von Reichsbahn und VE Großbetrieben, wie dem VEB Kaliwerk Bischofferode.

 

Familie Afred Walter,  etwa 1955


Obiges Schreiben belegt, dass der Betrieb  um 1955 über 30 Mitarbeiter zählte, die Alfred Walter mit hohem unternehmerischen Geschick erfolgreich führte. - Zur Verbesserung der Materialbasis wurde nach Erwerb eines geeigneten Flurstücks am Stöcksberg im Jahre 1955 ein eigener Sandbruch erschlossen.

Die Erweiterung des Privatunternehmens zur KG unter DDR-Bedingungen ermöglichte die Finanzierung und Beschaffung effektiverer Maschinenausrüstungen, um auch schwere Handarbeit zu erleichtern. 

Nachdem Alfred's Sohn Gerhard Walter schon mehrere Jahre in der Betriebsführung assistiert hatte,  legte er 1960 die Meisterprüfung im Straßenbauhandwerk ab und arbeitete sodann in leitender Stellung des Walter-Unternehmens.


Als Firmengründer  Alfred W.  bereits schwer erkrankt war, fiel im April 1972 die Walter KG durch SED-Restriktionen ("freiwilliges" Muss!) unter die Zwangsumwandlung  von Privatunternehmen, PGH und KG in volkseigene Betriebe: Mitarbeiter, Sandbruch Fahrzeuge und Maschinen wurden in das Straßen-und-Tiefbau-Kombinat (STK) Leinefelde eingegliedert. Hier setzte Straßenbaumeister Gerhard Walter seine langjährige Erfahrung als Oberbauleiter für Gleisbau ein. Das STK errichtete einen entsprechenden Betriebsteil mit Mischanlage nördlich vom Bahnhof Bernterode.

*

 1989 - unter dem Druck revolutionärer Wende-Ereignisse - beschloss der Ministerrat der noch-DDR per 21.12.89 eine „...vorläufige Regelungen für die Bildung privater Betriebe...“ als Rahmen für künftige gesetzliche Regelungen und setzte damit de facto die unrechtmäßigen SED-Beschlüsse von 1972 zur Verstaatlichung privater bzw. halbstaatlicher Betriebe außer Kraft.

Bereits am 02.01.1990, darauf Bezug nehmend, bemühte sich STK- Oberbauleiter Gerhard Walter in einem Schreiben an seinen damaligen Geschäftsführer des STK Leinefelde (später Eichsfeldbau GmbH) um Herauslösung und Rückgabe der 1972 enteigneten Fa. Alfred Walter KG aus dem nunmehr vakanten ST-Kombinat und die Rückübertragung.

Die Wiedergründung erfolgte sodann am 01.06.90 unter dem Gründernamen Gerhard Walter & Co. GmbH mit zwei Gesellschaftern: Gerhard W. als geschäftsführender Gesellschafter und seine Schwester Brunhilde geb. Walter. Die Mitarbeiterzahl lag anfänglich bei  7, verdoppelte sich in Spitzenzeiten.

Zumal die staatliche Beteiligung (KG) von vor 1972 noch fortbestand, wurde im Juni 1990 durch Antrag an die Treuhand der Rückkauf des staatlichen Anteils in die Wege geleitet. Teils war man zu pragmatischen Lösungen gezwungen: Der Sandbruch durfte anfänglich nur durch einen Nutzungsvertrag mit dem STK Leinefelde genutzt werden. Ursache hierfür waren die sich überschlagenden Ereignisse der Wendezeit.

Nach der Reprivatisierung war die Gerhard Walter & Co. GmbH wieder im angestammten Straßen- und Tiefbau tätig. Der Sandbruch und die dort stehenden Gebäude wurden durch umfangreiche bauliche Maßnahmen erweitert und aufgewertet; weitere Landflächen für den Sandbruch zugekauft.





Ein Projekt der Gerhard Walter & Co. GmbH:  Modernisierung des Bahnhofs Leinefelde

Zu Zeiten von Frost und Schnee, wenn Bauarbeiten ausgesetzt werden mussten, sicherte die Walter GmbH die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter durch Winterdienstarbeiten, wie z.B. Schneeberäumung an Weichen und Gleisen für die Bahn. Dabei waren die über Jahrzehnte im Gleisbau aufgebauten Kontakte von Vorteil.

Bei Eintritt von Straßenbaumeister Gerhard Walter in den Ruhestand ging die Firma im Jahr 1997 durch Verkauf an einen anderen Unternehmer.


 

 

III. Die NTG Bau GmbH

Hier ein Gastbeitrag von Herrn Dipl.-Ing. Hubert Eberle   

Die NTG Bau GmbH wurde im Juli 1990 als „Nordhäuser Tief- und Gleisbau GmbH“ mit Sitz in Nordhausen von Hubert Eberle und einem Gleisbaubetrieb aus Freden  / Leine gemeinsam gegründet. Bereits 1993 wurde der Firmensitz nach Breitenworbis verlegt und aus der Nordhäuser Tief-und Gleisbau wurde die NTG Bau GmbH.

So konnte die Tradition der Gleisbaubetriebe in Breitenworbis erhalten werden.

Firmengelände in Breitenworbis



Bereits in der Mitte des letzten Jahrhunderts gab es in Breitenworbis die ‚Alfred Walter KG‘ und die ‚Ignatz Sander KG‘. Beide Betriebe waren in der Region Nordthüringen im Gleisbau tätig – sowohl in den Kaliwerken, bei privaten Anschlussbahnen als auch bei der Deutschen Reichsbahn. Die Verstaatlichung von Privatbetrieben im DDR-‚Sozialismus‘ bedeutete dann das Ende dieser beiden Gesellschaften. 1972 bzw. 1981 war das Ende ihrer eigenständigen Arbeit besiegelt: sie wurden mit Technik und gesamtem Personal in das STK Leinefelde überführt. Hier im ‚Kombinat‘ gab es dann mit diesen Mitarbeitern eine Oberbauleitung Gleisbau. Beim damaligen Oberbauleiter Gerhard Walter begann 1983 auch Hubert Eberle als junger Bauleiter im Gleisbau nach dem Studium seine Laufbahn.

Nach der politischen Wende im Jahr 1989 war es dann Hubert Eberle, der zusammen mit Wilfried Mai als Bauleiter und Wolfgang Nolte als Polier mit der Nordhäuser Tief- und Gleisbau bereits im Sommer 1990  den Mut hatte, neue Wege zu gehen – und Breitenworbis hatte wieder einen Gleisbaubetrieb. Bereits nach kurzer Zeit hatte die NTG Bau 60 Mitarbeiter – das hat sich in den 30 Jahren des Bestehens nicht wesentlich geändert. 




Umbau eines Bahnübergangs


      NTG-Team bei Bahnprojekt in Nordhausen

 So war die NTG schon zu Beginn der 90er Jahre aktiv beim Lückenschluss der Strecke Halle-Kassel, auf ICE- Neubaustrecken Köln-Aachen und Berlin-Hannover, bei Umbauten für die EXPO 2000 in Hannover, wie auch beim Neubau Bahnhof Berlin-Spandau  und bei großen Gleisumbauten im Norden der Republik tätig. Die Bauleute der NTG erbauten im Laufe der drei Jahrzehnte dutzende Bahnsteige, Halbschrankenanlagen, Kabelanlagen und Bahnübergänge. Diese Vielseitigkeit hat der Firma auch in schlechten Zeiten geholfen, sich niemals ernstliche Sorgen um eine Vollbeschäftigung machen zu müssen.



Wilfried Mai, Prokurist sowie auch ein Mann der „Ersten Stunde“, und Hubert Eberle sind stolz darauf, dass bis heute immer pünktlich Lohn gezahlt werden konnte und es keinen Tag Kurzarbeit gab – keine Selbstverständlichkeit in vielen Firmen.



  NTG-Gleisbautechnik wartet auf Freigabe zum Einsatz                                              Straßenbahnbau  in Nordhausen    



 Zum 25. NTG-Betriebsjubiläum: Belegschaftsausflug mit der Brockenbahn

 

Ein weiteres Standbein der NTG waren immer die Projekte bei den Harzer Schmalspurbahnen. Viele Mitarbeiter sehen dies auch als ein besonderes Hobby ihres Chefs an, dem eine besondere Beziehung zu dieser Bahn nachgesagt wird. Seit 1991 ist die Firma fast ausnahmslos jedes Jahr im Streckennetz der HSB unterwegs, besitzt neben großer Erfahrung auch entsprechende Technik für die Schmalspur.

 

Der alljährliche Winterdienst auf dem stürmischen, sehr kalten Brocken...


 ...ist Herausforderung und Motivation für die Baggerführer

 

*

Die NTG ist seit Beginn der Präqualifizierungen im Gleis- und Weichenbau vor über 20 Jahren in der höchsten Kategorie zertifiziert, wird damit oft zu einem gefragten Partner bei Großprojekten oder bei Baustellen auf den ICE-Strecken. Über ein Jahrzehnt war sie ARGE-Partner der Hoch-Tief in Berlin und auf mehreren Baustellen um das Ostkreuz und auch in Hamburg tätig.

Seit Februar 2021 hat Jens Pschribülla aus Sondershausen die Geschäftsführung von Hubert Eberle vollständig übernommen. Er hat durch seine Tätigkeit auf mehreren gemeinsamen Großprojekten Erfahrungen aus dem Bahnbau mitgebracht und wird bereits jetzt von den Mitarbeitern geschätzt.       [redaktioneller Stand: 10.2021]



IV. Die Straßen- und Tiefbau GmbH  Große  



Um eine Zuarbeit wurde gebeten!



 


7592


Links:



Wüstung Hugenworbis

 

Ostermontagsschnee